Olympia 2020: Gemeinsam oder allein?

Kommentatoren statt Zuschauer

Olympische Spiele im home office. Zuschauer wurden durch Pappkameraden ersetzt. „Brot und Zirkusspiele“, unter Kaiser Augustus erfunden, um dem Volk seine Einflusslosigkeit zu versüßen, waren auf das Sofa-Kino verlagert, König Kunde wurde aus der analogen in die digitale Welt verbannt. Doch fehlten sie uns?Die Fachleute, Spieler und Helfer im Stadion gaben den Sport-Arbeiter*innen die Definitionshoheit darüber zurück, was gut war. Das ähnelte den religiösen Weihefestspielen der Antike weit mehr als was später mit Gladiatoren passierte und seit 1894 zur Unterhaltung des Publikums rekonstruiert wurde. Das Idealbild des Sportlers, der tapfere Krieger mit Erschöpfung, Verletzung und Siegesschreien oder –stöhnen stand nackt dar. Man lernte etwas über Regeln und Vorbereitung. Nie hatten wir so viel Kompetenz bei den Kommentatoren.

Bei Olympia wird Kampf zu Spiel, Nahkampf zu Boxen und Ringen, Beleidigung oder das Boxen eines Pferdes zum Regelverstoß. Der politische Feind ist Mitbewerber um den Olivenzweig. Aber auch die Alternative schimmerte durch: der Kampf um Prämien, plötzlichen Reichtum, Sponsoren und Vermarktungschancen. Aufstieg über den Sport. Je dunkler die Haut, desto mehr Schinderei lag hinter ihnen.

Oder doch nicht? Taugt die Olympische Idee noch dazu, der Jugend friedlichen Wettstreit, gemeinsames Handeln und Respekt vor den anderen nahe zu bringen?

Gemeinsam oder zusammen?

Respekt fehlte schon in der Antike. Der Gewinner war alles, der Verlierer nichts. Der Kampf ging auf Leben und Tod. Die bürgerliche Gesellschaft hat mit ihrer Forderung nach Gleichheit, Freiheit und Sicherheit dem Heldenepos der Antike eine kulturelle Entwicklung entgegengesetzt, die deren eigentlichen Zielen weit näherkommt. Doch wurde das verwirklicht? Baron Coubertin stand 1894 der Industrie näher als dem Adel. Das Bürgertum entdeckte den Sport als Körperertüchtigung für Arbeit und Militär. Es vergaß seine Gleichheit und verlangte stattdessen „schneller, höher, stärker“ (citius, altius, fortius). Das IOC hängte in Tokyo etwas an. Jetzt heißt es  „schneller, höher, stärker – gemeinsam“ (communiter). Das klang wie Napoleon III, der die Sicherheit im bürgerlichen Dreiklang durch Brüderlichkeit ersetzte, und damit den Individualismus überdeckte aber nicht abschaffte. Tatsächlich ist das Gemeinsame auch hier eher ein Lippenbekenntnis. Mannschaftssportarten bestimmen nicht den Medaillenspiegel. Man hätte besser „zusammen“ vorangestellt. Es ist offen für das demokratische „Kollektiv“ (Team) wie auch für eine feudale „Gemeinschaft“ mit hierarchischen und exklusiven Strukturen. Welche Form wer gewählt hatte zeigten die Trainer.

Mann- und Frauschaften

Doch es gab Fortschritte. Auch diejenigen, die nicht in der Mannschaft zum Einsatz kamen, erhielten eine Kopie der Medaille.  Bei Lauf- und Radwettbewerben wurden Einzelkämpfer in Staffeln zum gemeinsamen Denken und Erleben zusammengeschlossen und bewertet. Ruderer und Kanuten haben hier technisch bedingt einen Vorsprung. Das erstmalige Auftreten von Mixed-Wettbewerben räumte mit der Idee auf, dass Frauen und Männer nicht zusammenarbeiten können. Wir erfuhren bei den Staffeln, dass „mwwm“ am besten funktioniert, weil Männer den Frauen ungern hinterherlaufen. Auch rückte das Team mit Betreuern, Physio- und Psychotherapeuten ins Rampenlicht.

Konkurrenz und Wettbewerb

Konkurrenz schaltet den Mitbewerber aus, Wettbewerb nutzt ihn für die gemeinsame Leistungssteigerung.

Anders als bei den Boykottspielen in Montreal, Moskau und Los Angeles traten die Feinde wie Jemen (2), Saudi-Arabien (25) und Iran (66) im friedlichen Wettstreit gegeneinander an. Belarus, Russland und die Ukraine buhlten um den Lorbeer. Das IOC hatte Russland allerdings unter dem Kürzel „ROC“ als unartiges Kind in die Ecke gestellt. Nike mit seinem Drogenprojekt blieb dagegen ungeschoren. Zwei nordafrikanische Judoka ging es anders. Sie verweigerten dem Israeli den Kampf, wurden aber vom Welt-Judoverband bzw. dem NOK Algeriens nach Hause geschickt.

Politik und Presse

Die Presse vertrat würdig die ausgeschlossene Masse. Sie fand die Freiheitskämpferin im belarussischen Team. Kinderarbeit beim Turnen zu thematisieren lohnte nicht. Auch der Medaillenspiegel fügte sich nicht in das politische und wirtschaftliche Leistungsschema des Westens ein. Entweder man erfuhr gar nichts zu den Siegen der Schurkenstaaten oder die Berichterstattung darüber schaffte nicht den Weg vom Nachrichtenüberblick zu den moderierten Beiträgen in der Tagesschau. Doch eine Lehre tat sich auf. Je sachkundiger Journalisten waren, desto weniger waren sie gewillt ihren Kommentar politisch einzufärben. Dann konnten auch chinesische Tischtennisspieler und russischen Volleyballer Bewunderung erhalten.

Beste oder Schnellste

Uncle Sam enttäuschte in der Leichtathletik. Seine historische Dominanz war nur noch Silbern. Die Auslese der US-Athleten in einer eigenen Olympiade in Eugene/Oregon konzentrierte die Profis auf den falschen Zeitpunkt und Ort. Die Olympische Idee meint die Besten und nicht die Erfolgreichsten. Der Junior im silbernen Generationenkajak brachte es gegenüber dem Fernsehreporter zum Ausdruck: „Wir ermitteln hier Champions und das ist mehr als der Gewinn einer Medaille.“ Genau das taten die beiden Hochsprungherren aus Italien und Katar, als sie eine gemeinsame Goldmedaille einem erneuten Wettkampf vorzogen und sich dabei so freuten, als ob sie vier davon erhalten hätten.

Individualismus

Das Gegenteil demonstrierten die drei schnellsten Frauen der Welt. Keine gönnte der anderen ihre Medaille. Sie zeigten es in der Pressekonferenz und verdarben sich auch die Freude am Staffelsieg. Gemanagt werden sie vom MVP-Club (Maximising Velocity and Power.), dem jamaikanischen Pendant zu Nike’s aufgelöstem Oregon Projekt mit dem Drogentrainer Salazar. Davon gibt es viele, die sich wie bei den Radrennställen die besten Athleten zusammenkaufen und nicht als Person oder Nation, sondern als Marke glänzen. In solchen Zentren und Netzwerken werden Hochleistungssportler gezüchtet, die dann Schlüsselstellungen im internationalen Sport bestimmen und das Bestechungssystem großer Sportausrüster wie Adidas und Puma ergänzen.

Individualismus zeigte auch der moderne Fünfkampf. Hier bekommt man Pferde zugelost, die man ohne sie zu kennen wie beim Rodeo über die Hürden prügeln muss. Dass die Dressurreiter in ihrem closed shop ihr kooperatives Training mit Pferden entgegenhielten ist weniger ihr Verdienst als der Kapitalintensität ihrer Sportart. Ob man allerdings im ebenso feinen Springreiten die Pferde als Partner wahrnimmt, muss nach den Stockschlägen auf die Vorderbeine („Barren“) allerdings bezweifelt werden. Pferd sind Fluchttiere. Ohne Angst springen sie nicht über vermeidbare hohe Hindernisse. Man könnte daher auch Hahnenkämpfe oder Windhundrennen zulassen.

Produktiv oder gerecht

Der olympische Widerspruch zwischen Gleichheit, Freiheit, Sicherheit (bzw. Schwesterlichkeit) und schneller, höher, stärker (- zusammen) ist weiter ungelöst. Die organische Zusammensetzung des Sportkapitals, würde Marx sagen, hat sich zulasten der Sportarbeit selber verschlechtert. Kurz: Sportolympia ist kapitalintensiv geworden. Das gilt nicht nur bei den Seglern, Reitern und Ruderern. Nur Profis können noch mitmachen. Die hundertfach gegebene Anerkennung als „professionell“ nähert das System den Zirkusspielen der Griechen und Römer an.

Doch am teuersten waren wohl die  Spiele selber. Es war nicht die Einwohnerzahl, sondern das Bruttosozialprodukt, dass EU, USA und China an die Spitze der Teilnehmer katapultierte. Kauf und Einbürgerung hoffnungsvoller Talente der Dritten Welt kommt gerade erst in Mode. Die Ähnlichkeit zwischen Medaillenspiegel und der Liste der Globalisierungsgewinner ist frappierend. Ihre Fernsehanstalten bestimmten dann auch, dass in der Augusthitze Tokios und Sapporos die Gesundheit der Athleten angegriffen werden musste. Im Oktober spielen die US- und Europa-Ligen.

Gemeinsam finanzieren – eine Idee

Ein utopischer Vorschlag zum Schluss. Nehmen wir das Gemeinsame ernst. Finanzieren wir die Spiele als Einheit. Alle Nationen zahlen entsprechend ihrer Wirtschaftskraft in einen Olympiafonds ein, der auch die Werbe- und  Vermarktungserträge einzieht. Daraus werden Gehälter des vor- und nacholympischen Jahres an die Sportler*innen sowie gleich zugängliche Ausrüstungen gezahlt.

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