Antisemitismus ist judenfeindlicher Rassismus

Die Morde in Pittsburgh, die Übergriffe in Nürnberg und Berlin, Grabschändungen, Leugnung oder gar Zustimmung zum Holocaust im Umfeld von AFD, Pegida, Pro-Chemnitz oder NPD, Feindseligkeiten gegenüber Israelis in Deutschland, Hass der Islamisten gegen Israel, Bestreiten dessen Existenzrechts durch Hamas oder den Iran, Anti-Israel-Demonstrationen der Palästinenser, schwarze Listen des Ku-Klux-Klans, Zuschreibung von Finanzmacht, Wertnihilismus,  Vaterlandslosigkeit, Geldgier, kommunistisch-bolschewistischer oder kolonialistischer Einstellungen, unmoralischer Verhaltensweisen bis hin zum Ritualmord an Kleinkindern – alles dies kann mit der gängigen Definition von Antisemitismus auch als  Judenfeindlichkeit bezeichnet werden.

Judenfeindschaft

Judenfeindschaft in Deutschland heute dürfte in den Worten Ralph Giordano’s[1] als dritte Schuld anzusehen sein. Wer nach dem unvorstellbaren Leid, dass die Deutschen den Juden angetan haben, mit Stereotypen und Hass deren Vernichtung, Qual und Entmenschlichung verniedlicht, vertuscht, fördert oder fordert muss bekämpft werden. Insoweit hat Deutschland auch als Staat eine Schutzfunktion für die Juden, die weiter geht als der Schutz vor einer Wiederholung durch das deutsche Volk. Schutz vor Judenfeindschaft sollte als Ziel in alle Regeln zur Wiedergutmachung eingefügt werden. Dieser Schutz umfasst auch den Bestand des Staates Israel. Er ist der international zugewiesene Zufluchtsort des jüdischen Volkes. Deutschland muss ihn auch dann schützen, wenn dies für Dritte völkerrechtlich ein Unrecht darstellt. Der Grenzenlosigkeit deutscher Verbrechen muss die Grenzenlosigkeit dieser existenziellen Solidarität für das Handeln entsprechen. Die jüdische Identität ist zentral für die deutsche Identität. Dass was Anknüpfungspunkt zum Hass war muss Anknüpfungspunkt der Solidarität werden. Diese Schutzfunktion hängt nicht davon ab, ob man die Schutzwürdigkeit als selbstverschuldet oder die Gefahr als legitim begreift. Diese Differenzierung müssen die anderen Nationen vornehmen. Deutschland fehlt hierzu die Legitimität. Es kann bei missbilligtem jüdischen Verhalten schweigen oder sich in den dafür vorgesehenen internationalen Verfahren der Kritik anderer anschließen. Es gibt zudem genug deutsche Juden, die die Legitimität zur kritischen Begleitung israelischer Politik haben. Doch eine solche Judenfeindschaft, die sich in der Kritik der Politik des Staates Israel manifestiert, lässt sich in den arabischen und islamischen Staaten noch vom Antisemitismus trennen.

Nicht so in Deutschland. Seitdem zunächst die maurischen Herrscher in Südspanien (El Andaluz 700) und danach auch Karl der Große (747 – 814) die verstreute jüdische Intelligenz anwarb, ist das nächste Jahrtausend durch deren religiös motivierte Vertreibung aus Spanien 1492, Deutschland 1350 oder Russland 1881 gekennzeichnet. Gezielte Ausbeutung und Vernichtung blieb aber dem deutschen Holocaust ab 1933 vor allem ab 1941 vorbehalten. Deutsche Judenfeindschaft manifestiert sich seitdem als Rassismus.[2] Durch die exklusive Verbindung mit der Judenfeindschaft im Antisemitismus ist diese deutsche Geisteshaltung zudem zum Sammelbecken dessen geworden, was mit dem Nationalsozialismus als typisch deutsche Strömung des Faschismus sich etabliert hat und immer wieder fruchtbar wird.

Es ist daher bedauerlich, dass innerhalb der politischen Linken die Sympathie für die Rechte der Palästinenser als Recht zur Judenfeindschaft verteidigt wird. Der Kampf gegen den Antisemitismus hat nicht den Philosemitismus, sondern die demokratische Gesinnung zum Ziel. Judenfeindschaft, wie sie die in mehreren Kriegen mit Israel aufgebaute Haltung vieler Araber prägt, kann es in Deutschland nicht geben. Sie ist in aller Regel antisemitisch. Man erkennt dies aber nur, wenn man den Antisemitismus als Teil des Rassismus begriffen hat. Ist dies mit den Thesen der Bundesregierung auf www.StopAntisemitismus.de möglich? Sind die Definitionen dort ein ausreichend scharfes und treffsicheres Schwert, um den Antisemitismus zu bekämpfen?

Rassismus

Der Begriff Antisemitismus ist ins Zentrum der Abwehr des Rechtsradikalismus getreten. Das Verhältnis zu Kunst und Politik wird am Beispiel judenfeindlicher Ausstellungsstücke der Documenta 2022 in Kassel diskutiert. Die Bundesregierung hat mit ihrem Antisemitismusbeauftragten und der ZEIT-Stiftung die Website https://www.stopantisemitismus.de/ eröffnet. Worauf reagiert sie und was ist gemeint?

Dabei stört Moshe Zukerman[3] die Umkehrbarkeit der Definition, wonach feindliches oder auch nur kritische Verhalten gegenüber Juden oder Israel in gleicher Weise als Antisemitismus gebrandmarkt werden kann, wie der Völkermord der Nazis oder die Pogrome in Osteuropa. Henryk Broder[4] argumentiert, dass der Antisemitismus sich nicht auf die Ablehnung des Zionismus begrenzen lasse und seine Bösartigkeit auch in der Feindschaft gegenüber dem Staat Israel zeige.

Es könnte sein, dass beide Recht haben. Antisemitismus hatte sich nach der Befreiung vom Holocaust in Deutschland gut versteckt. In Redensarten, Witzen, politischen Interessen, Literatur, Musik, Recht, politischer Parteinahme, Kapitalismuskritik oder deutschnationaler Gesinnung tritt er wieder biedermännisch, nationalistisch oder progressiv getarnt auf.

Neo-Nazis haben es heute leichter, wenn sie ihren Rassismus in den historischen Zusammenhang der Judenfeindschaft stellen. Wer Opfer bestimmt, die scheinbar genetisch, durch Hautfarbe oder andere Merkmale äußerlich erkennbar, durch Religion oder politische Einstellung oder durch ihren Pass sich deutlich von der großen Masse der Mitläufer unterscheiden lassen, befreit die Zaungäste des Holocaust[5] von der persönlichen Bedrohung durch Diskriminierung, Entrechtung, Verfolgung und Mord. Insoweit bestimmte der Antisemitismus die Strategie der Antisemiten. Er sagte wenig über die Opfer enthielt aber alles Wissen über die Täter. Antisemitische Juden sind darin undenkbar.

Nationalsozialismus

Ein Deutscher, der sich mit der Geschichte der jüdischen Juristen beschäftigt hat[6], weiß auch aus den Erzählungen seiner jüdischen Freundinnen und Freunde, wie unvergleichlich und unvorstellbar unmenschlich der deutsche Holocaust war. Keinem anderem Volk der Welt ist nach dem Wissen über die industrielle Tötung und Entmenschlichung jüdischer Opfer Ähnliches zugefügt worden. Jede Relativierung durch Vergleich ist in Deutschland als Folgeverbrechen i.S. strafrechtlicher Begünstigung[7] einzuordnen. Deshalb brauchen wir speziell in Deutschland neben dem Begriff des Holocaust einen Begriff, der das Täterhandeln gerade gegenüber den Juden charakterisiert. Jeder Hass gegenüber einzelnen Juden, jede Abwertung des Volks der Juden muss verfolgt werden.

Das aber bedeutet nicht, dass dies nur mit dem Begriff des Antisemitismus möglich ist. Wer durch die „späte Geburt“ vor der „ersten Schuld“ bewahrt wurde, muss eine „dritte Schuld“[8] der Untätigkeit oder Wirkungslosigkeit im Umgang mit dem neuen Antisemitismus vermeiden. In der Suche nach dieser Strategie muss auch das Monopol eines Begriffs infrage gestellt werden, wenn er statt die Antisemiten zu bekämpfen, vor allem Zwietracht sät, indem es das Aufstellen von subjektiven Bedingungen, die von anderen verwaltet werden, für die Zulassung zu diesem Kampf ermöglicht.[9]

Anti-Semit-ismus

Antisemitismus enthält drei Elemente: Semit bezeichnet eine Personengruppe, Ismus deutet eine Weltanschauung dieser Gruppe an und die Silbe Anti verweist auf eine gegenteilige Weltanschauung, die sich scheinbar aus der Ablehnung des Semitismus speist.

Offizielle Definition

Die Bundesregierung, widmet dem Antisemitismus besondere Aufmerksamkeit. Sie hat ihre „Arbeitsdefinition“ von der Internationalen Holocaust Erinnerungsallianz (IHRA)[10] übernommen. In der deutschen Fassung heißt sie:

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“

Sie ist einerseits umfassend bei den antisemitischen Verhaltensweisen, andererseits aber auf Juden beschränkt. Das liegt daran, dass sie sich am Holocaust orientiert, der vor allem in den 1930ziger Jahren durch die antisemitische Weltanschauung eingeleitet wurde. So veranstaltete der „Führer“ der NS-Hochschullehrer, Carl Schmitt, 1936 einen Kongress gegen den „jüdischen Geist in der deutschen Wissenschaft“[11]. Anwaltspräsidenten wurden mit der Begründung entlassen, dass es nur um „das Jüdische in Ihnen“ ginge. Unter die Antisemitismusdefinition fallen aber auch Stellungnahmen der Hamas und Hisbollah zum Existenzrecht Israels. Sogar die vom EuGH gerechtfertigte Kennzeichnungspflicht für Waren aus dem Westjordanland wird dem Verdacht antisemitischer Diskriminierung ausgesetzt.[12]

Die IHRA stellt im Gegensatz zur Bundesregierung nicht den Antisemitismus, sondern den Holocaust ins Zentrum ihrer Bemühungen. Er ist für sie nur eine der Formen, die zum Holocaust geführt haben bzw. ihn ausmachten: Ziff. 3 der Holocaust-Erklärung lautet: „Da die Menschheit noch immer von Völkermord, ethnischer Säuberung, Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit gezeichnet ist, trägt die Völkergemeinschaft eine hehre Verantwortung für die Bekämpfung dieser Übel.“ Es reicht danach nicht, den Antisemitismus auszurotten.

Semitismus

Nimmt man den Begriff des Antisemitismus wörtlich, so behauptet er mit der angehängten Silbe Ismus (griech. „auf eine bestimmte Art handeln, vorgehen“) die Existenz einer abgelehnten Weltanschauung. Bei Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, Faschismus, Neo-Liberalismus kann man solche Denksysteme nachweisen. Sie sind keine Erfindungen ihrer Gegner, sondern haben sich als Anschauung bestimmter Gruppen und Gemeinschaften etabliert, auch wenn die Gegner häufig die Elemente hinzufügen, die als Gegenpol zur eigenen Ideologie besser geeignet wären.

Der Semitismus wird dagegen allein im Zusammenhang mit dem Begriff Antisemitismus benutzt.[13] Die Idee einer spezifischen jüdischen Weltanschauung, die den Begriff Semitismus rechtfertigen würde, gibt es im Judentum selber nicht. Auch die Idee des Zionismus[14], die unter Juden von Anfang an sehr umstritten war , sondern bei seinen Gegnern. Ebenso wie Christentum und Islam sieht sich das Judentum als Religion und nicht als Weltanschauung. Angesichts der erheblichen Unterschiede der Kulturen in der Disaspora, in denen Juden seit ihrer Vertreibung aus Israel durch die Römer im Jahre 137 gelebt und eingerichtet (assimiliert) haben, ist ihre tatsächlich gelebte Kultur außerhalb der durch die Religion üblicherweise dominierten Sphäre wohl eine der vielfältigsten Kulturen der Welt.

Der Begriff steht daher in einem untrennbaren Zusammenhang mit dem Wort Antisemitismus. Anders ausgedrückt: der Semitismus ist eine gedankliche Schöpfung der Antisemiten. Er hat keine empirische Grundlage, die man wissenschaftlich seinen Vertretern entgegenhalten könnte, auch wenn sie immer wieder versucht haben, mit scheinbar empirischen Fakten Detailvorwürfe zu unterlegen, wie es Heinrich Heine über die Art, wie Judenprogrome vorbereitet werden, in seiner Erzählung Der Rabbi von Bacharach drastisch beschrieben hat.[15]

Der Begriff des Antisemitismus, der zugleich eine eine angebliche jüdische Weltanschauung des Semitismus behauptete, wurde als Kampfbegriff von Judenhassern erst um 1860 entwickelt. In sein sprachliches Gefäß goss man historische Formen mittelalterlicher vor allem religiöser Ablehnung des Judentums und füllte sie mit weiteren Elementen auf. Bei den Nationalsozialisten gipfelte die Charakterisierung der jüdischen Weltanschauung in der Behauptung einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung[16]. Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg trug mit der Herausgabe der gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ vor der Wannsee-Konferenz zur Legitimation der endgültigen Vernichtung der Juden 1941[17] bei. Der Antisemitismus ist daher eine eigene Weltanschauung, die sich nicht aus der Ablehnung einer anderen Weltanschauung ergibt.

Anti-ismus

Der Kampf gegen den Antisemitismus besteht in einer doppelten Negation: Anti-Antisemitismus. Das macht es schwer, ihn zu verstehen und zu organisieren.

Anti-Ideologien haben gemeinsame Schwächen: man weiß, dass man gegen etwas ist. Mit dem Antikommunismus von Trump und Bolsonaro, dem Antifaschismus von Maduro und Ortega, in der Neuen Rechten wie bei den Autonomen, feiern die Grundtorheiten des 20. Jahrhunderts Wiederauferstehung. Dazu gehört auch der Antisemitismus. Wogegen man ist, bleibt beliebig.

Das Anti-Konzept löst sich von seinem Objekt. Die Antifa der autonomen Szene macht sogar die Herkunft des Wortes unkenntlich. Wer gegen etwas ist scheint den Gegenstand der Ablehnung nicht mehr erklären zu müssen. Der Antismus wird zum fast beliebig auffüllbaren Sinn an sich. Was er will bestimmen die, die ihn beherrschen.

Kommunismus wird zum Antifaschismus. Antifaschismus ist dann der von der eigenen Bewegung bestimmte Inhalt dessen, was man vertritt. Dies Schicksal teilt auch der Antisemitismus. Die Faschisten und teilweise auch Stalinisten machten ihn zum wesentlichen Baustein ihrer negativen Haltung zur bürgerlichen Gesellschaft.

Antismus schürt die Angst vor dem Unbekannten. Verschwörungstheorien geben diesem Gefühl eine Form, deren Absurdität schon deshalb den Gläubigen nicht auffällt, weil es keine reale Verschwörung gibt. Die Verschwörungsangst ist nur ein Mittel zum Zusammenhalt, das ohne Nachprüfbarkeit auskommt. Man schafft eine Gemeinschaft, die sich hinter der Masse der Rechtschaffenden versteckt: niemals allein, Schutz in der Masse der anderen. In dieser Gemeinschaft darf man die gesellschaftliche Verantwortung und Rücksichtnahmen abstreifen. Man darf hassen, ausschließen, ausmerzen und sich dabei zugehörig fühlen. Es herrscht die Freiheit des Untertans. Der Antisemitismus ist hier extrem. Von Anfang an behauptet er nicht einmal, dass er ein reales Objekt (Semitismus“)  hat. Er ist berechtigt, wo er wirksam und erfolgreich ist, um die eigene Gemeinschaft zu stärken.

Die Anti-Ideologie steht auf dem Kopf. Wer sich allein fühlt, hasst die anderen. Man ist ja nicht zugelassen. Wer unter sozialen, moralischen, ethischen wie rechtlichen Normen zu ersticken glaubt, der sucht mit anderen einen schwachen Feind. Wer keine eigene Persönlichkeit entwickelt hat, setzt auf Führer. Die Sehnsucht nach Unter- und Einordnung aus Feigheit wird in der Gemeinschaft zu Wehrhaftigkeit und Mut gegenüber einem unsichtbaren und damit übermächtigen Feind stilisiert. Es bringt Anti-Religionen hervor, beflügelt sie und füllt sie inhaltlich aus. Die bedrohlichen Abstraktionen von Staat, Partei und Kirche werden gedanklich anfassbar und in Fleisch und Blut verwandelt. Aus der Gruppe wird die Gemeinschaft, aus dem Interessenverband die Bewegung.

Während sie versuchen, Probleme in den scheinbaren Objekten wie Kommunismus, Faschismus und Semitismus zu verorten, stellen sie in Wirklichkeit selber das Problem dar. Der Antismus hat sich verselbständigt. Demokraten, die den Antismus bekämpfen, bekennen dies. Sie verteidigen nicht Kommunismus, Faschismus oder „Semitismus“. Sie sehen gerade in der Beschränkung der eigenen Position auf den Antismus das demokratische Defizit.

Anti-Antisemiten nehmen dabei eine besondere Rolle ein. Sie bekämpfen schon die Wurzel aller Feindschaftsideologien. Sie streiten für eine Gesellschaft frei von Hass und Ausgrenzung. Rechts- und Linksextremismus gehören für sie zusammen. Anti-Antikommunismus, Anti-Antifaschismus und Anti-Antisemitismus sind daher Bekenntnisse zu Liberalität, Freiheit und Gleichheit der Individuen ohne Ansehen der Person.

Doch aktuell nimmt ihre Überzeugungskraft ab. Das traditionelle Rechts-Links-Schema der Politik erklärt nicht mehr Aufstandsbewegungen in Chile, Beirut oder Prag. Der Glanz der Demokratie ist verblasst. Ihre Zwangsehe mit dem Kapitalismus zeigt Probleme. Die einen flüchten sich in anarchistische Utopien ohne Zwang und Staat, die anderen wollen gerade umgekehrt zurück in die Geborgenheit eines feudal organisierten Staatswesens.

Es reicht nicht, diesem religiösen Antismus die Vorteile der Demokratie vorzuspielen. Freiheit ist negativ. Sie verneint die Unfreiheit. Sie ist in erster Linie die Freiheit der anderen. Nur das ist Demokratie. Man muss sich also die Mühe machen, den Antis die Gefahren zu zeigen, die die Scheinlösungen ihrer Angst hervorrufen. Deutschland hat in besonderer Weise historische Erfahrungen mit allen drei Formen des Antismus gemacht. Faschismus war vor allem Anti-Kommunismus gemischt mit Antisemitismus, Stalinismus berief sich dagegen auf den Antifaschismus. Wer die im Namen des Antismus geführten Kriege, Verschwörungen, Korruptionen und Raubzüge und Vernichtungen anderer bekämpfen will, muss ihre Bezugspunkte ernst nehmen. Im Fall des Antisemitismus handelt es sich um eine Ideologie, die keinen Bezugspunkt hat. Es ist daher unsinnig, den Antisemiten den Antisemitismus, dessen Objekt sie selber definierten, vorzuwerfen.

Semit

Wo sich kein Semitismus definieren lässt, da kann es auch keinen Antisemitismus geben. Doch zeigt der praktische Gebrauch des Wortes bei Anhängern wie Gegnern des Antisemitismus bis hin zur Bundesregierung, dass es in erster Linie darum geht, eine Gegnerschaft zu Personen aufzubauen, die man als Semiten bezeichnet. Wie alle Antismen ist es eine Ideologie der Feindbestimmung. Das setzt aber Menschen allein oder in ihren Organisationsformen voraus. Die Antikommunisten haben ob nach 1933 in Deutschland oder nach 1947 in den USA (McCarthy-Ära) daher auch konkrete Menschen („Kommunisten“) und nicht deren Ideologien zur Zielscheibe gemacht. Das Gleiche galt für die Moskauer Prozesse von 1936 bis 1938, wo sogar führende Vertretern des Sowjet-Kommunismus (wegen ihrer behaupteten Kontakte zu Trotzki im Exil) als kapitalistische und faschistische Agenten angeklagt und mit weiteren offiziell auf 1 Millionen bezifferten Sowjetbürgern ermordet wurden.

Beim Antisemitismus zeugen alle Definitionen von dieser Personifizierung. Es werden nicht die Semiten, sondern die Juden zum Objekt des Hasses oder zu seinem Opfer erklärt. Diese Personen und nicht eine beliebige Ideologie sind schlecht

Er vermengt die Geschichte der Täter mit der Geschichte der Opfer. Beide scheinen sich gegenseitig zu bedingen. Objekt des Antisemitismus können nur Juden sein, alle Feinde der Juden sind notwendig Antisemiten. Damit wird der Holocaust, dessen Wurzeln von IHRA wie gezeigt breiter gesehen sind. Das Schicksal von Roma und Sinti, polnischen und russischen Kriegsgefangenen, Homosexuellen und Behinderten und ihre Behandlung als minderwertige Rassen, Untermenschen, Perverse oder lebensunwertes Leben gerät dadurch aus dem Blickfeld der Analyse dessen, was bekämpft werden soll. Es gibt danach begrifflich ohne Juden keinen Antisemitismus mehr.  Erklärt die Geschichte der Juden, die sie selber als Shoa bezeichnen, den Antisemitismus im Holocaust und heute?

Judentum

Gibt es das Judentum? Die Grundlage kultureller Einheit ist gemeinhin die gemeinsame Sprache. Diese Sprache wird seit der griechisch-römischen Zeit  als hebräisch bezeichnet. Eine jüdische Sprache gibt es nicht. Tatsächlich herrschend war bei den Ost-Juden vor Gründung Israels auch das vom Deutschen abgeleitete Jiddisch. Zu Zeiten Jesu wurde auch Aramäisch gesprochen, unter den Gebildeten herrschte das Griechische und später Latein. Die Bibel ist in drei Sprachen geschrieben worden. Was ein Jude ist ist umstritten: handelt es sich um einen Kunstbegriff, entscheidet die ethnische Abstammung oder ist es, wie die meisten Juden von sich selber meinen, eine Kultur, die sich nicht in den Staatsangehörigen und Bewohnern Israels, den Israelis, erschöpft?

Religiöser Antisemitismus?

Waren die Wurzeln des Antisemitismus die jüdische Religion, die zumeist als Judaismus bezeichnet wird?

Ein Land – eine Religion

Eine besondere Feindschaft gegenüber Juden entstand in der Tat zunächst über die Religion. Diese Feindschaft kam aber nicht vom Judaismus, sondern entwickelte sich als wesentliches Element der christlichen Religion, deren Funktion sich änderte. Religionen wurden im Mittelalter zur Nationenbildung gebraucht. Waren sie in der Antike Ausdruck einer ethnischen Gemeinschaft, so wurden sie in der Neuzeit zur Grundlage der Bildung einer Gemeinschaft benutzt. Cuius regio eius religio – ein Land eine Religion. Die Ablehnung der jüdischen Religion war daher ursprünglich nicht spezifisch. Nero schlug die Christen ans Kreuz. Die Christen vernichteten die Heiden in Europa und in den Kolonien, wo die Missionierung benutzt wurde, um dem Kolonialismus eine passende Ideologie zu unterlegen, der einheimische Kolonialpolizei ermöglichte und die Herrscher als Missionare, oder wie es in Afrika hieß, als Väter in Christo, den Einheimischen ins Gewissen pflanzte. Auch die dritte semitische Religion, der Islam verdrängte z.B. die indischen Religionen. Weltliche Herrschaft und Religion wurden eins. Religion wurde zum wesentlichen Kit der Gemeinschaftsbildung für Völker, die zu groß geworden waren, um durch persönliche Bindungen und Abstammung oder durch Gewalt zusammengehalten zu werden. Leichter war es dabei, den eigenen Anhängern zu vermitteln, was sie nicht sein sollten: „Gemeinschaft durch Feindschaft“.

Die katholischen Despoten Ferdinand und Isabella verstreuten 1492 nicht nur 100.000 spanische Juden in alle Winde, sondern vertrieben im selben Jahr auch die islamischen Mauren. Letztere allerdings durch Krieg. Für die Juden gab es diese Option nicht. Sie waren Untertanen. Ihre letzte militärische Schlacht vor der Moderne wurde 74 n. Chr. am Toten Meer in Massada durch Massenselbstmord beendet. Danach waren sie staatenlos und von Kriegen ausgeschlossen. Religionskriege führten nur fest organisierte Gruppen: die Hussiten führten Böhmen gegen den Papst, die Schweden im dreißigjährigen Krieg die Protestanten gegen den gleichen Gegner. Gemeinsame Religionszugehörigkeit verlieh Kombattantenstatus. Den Juden presste man aber lieber höhere Steuern ab. Ihre Religion war kaum geeignet, durch einfache Bekehrung Zugehörigkeitsgefühle oder Koalitionen zu schaffen. Als Söldner standen zudem ihre zivilistischen Regeln im Wege, wonach z.B. Witwen nur heiraten durften, wenn sie wussten, wo der Gatte beerdigt war. Als Verteidiger waren sie dagegen bei der Belagerung Prags 1648 durch die Schweden aktiv.

Letztlich zeigen Hugenottenkriege wie auch schottisch-englische und irische Religionskriege die Funktionalität der Staatsreligionen zur Nationenbildung. Ihr Inhalt bestimmte auch, welche Staats- und Wirtschaftsform und damit welche Gruppe (Adel, Bürgertum oder Arbeiter) begünstigt würde. Das Judentum war davon nicht ausgenommen.

Die unpassende Religion

Die Juden waren gleichwohl etwas Besonderes. Ihre Religion hatte sich an verschiedene Staatsformen und Gesellschaften anzupassen und gleichwohl den Zusammenhalt der darin verstreut lebenden Juden zu organisieren. Die Religion war ein Kulturgut, das sich Hierarchien verweigerte. Es war in juristischen Termini eine privatrechtliche Religion (Halacha), während sie doch sonst staatsbildend im öffentlichen Recht verankert ist. Gott befahl nicht. Er schloss, so ihre Überlieferung, mit seinem auserwählten Volk einen Vertrag.

Die Rabbis aus aller Welt kommentierten im gegenseitigen Diskurs über 1000de von Kilometern entfernt im Talmud die biblische Thora, die damit zu einem umfassenden kulturellen Gesetzgebungswerk wurde, dem die für das moderne Recht so wichtige staatliche Durchsetzung fehlte. Sie bewahrten sich damit für die Liturgie (ähnlich wie das Altäthiopisch) eine gemeinsame Sprache, die die erst 1948 wieder zur Nationalsprache Israels gemacht wurde und den deutschen Dialekt der Ashkenazy, das Jiddische, allmählich verdrängt.

Angetrieben vom Antisemitismus des 19. Jahrhundert entwickelte Theodor Herzl den Zionismus, der mit irdischen Zielen das Problem der Wehrlosigkeit Staatenloser lösen sollte. Der Zionismus, der von deutschen Juden bis 1933 weitgehend abgelehnt wurde, bestimmt das Selbstverständnis des Staates Israel heute so viel nachhaltiger als die traditionelle jüdische Religion selber. Die Staatsablehnung und Wehrdienstverweigerung vieler orthodoxer Juden in Israel zeigt den Dualismus aber auch das Paradox, dass sie damit die Palästinenser staatenlos machten.

Die jüdische Religion bleibt eschatologisch. Ohne Staat konnte sie nicht zur Staatsreligion werden. Sie war als Feindbild doppelt geeignet. Zum einen war sie nicht christlich, zum anderen war ihre Staatsferne innerlich zersetzend, bedrohlich und für die Einordnung in das eigene Herrschaftssystem gefährlich. Außerdem waren Juden damit un(er)fassbar. Sie gehörten allen Nationalitäten an, wohnten überall und mussten zur Ausgrenzung beständig etikettiert werden, sei es durch Namensgebung, durch Zuweisung des Wohnortes (Ghetto) oder durch Nutzung der Geburtenregister der Synagogen. Sie selber nahmen diese Etikettierung mit Haartracht, Kleidervorschriften und Riten vor allem dort auf, wo sie wie in Osteuropa separiert lebten. In Mea-Shearim in Jerusalem oder dem New Yorker Williamsburg lebt dieser Zusammenhang fort.

Judentum als Objekt

Diese Unfassbarkeit machte sie für die mittelalterliche Moral der Schuldzuweisungen und Sünde geeignet. Nach dem Prinzip der Gemeinschaft durch Feindschaft konnte man mit ihnen leicht die so wichtige Schuldfrage füllen. Schauprozesse, Pogrom, Gottesopfer, öffentliche Verbrennungen und Folter waren wie Foucault gezeigt hat Inszenierungen der Gemeinschaftszugehörigkeit. Hexenverbrennung, Inquisition, Pranger und Zerstörung brauchten ihre Objekte, deren Schuld die Herrschenden von allem zu entlasten hatte, was man ihnen hätte vorwerfen können.

Die Juden spielten hierbei eine wichtige Rolle. War dies der jüdischen Religion oder dem Christentum geschuldet, dass mit den Reformationen die Religionen unverwechselbar den lokalen und politischen Herrschaftssphären anpassten.  Man muss sich mit dem Christentum und dem Islam beschäftigen, um dies zu verstehen. Der im Mittelalter aufkommende Judenhass bezog sich nur in geringem Umfang auf die komplexe bis heute unter Christen wenig bekannte Religion und ihre Riten. Die in Hunderte von Strömungen aufgeteilten Elemente, die fast alle Religionen dieser Erde verarbeitet haben, blieben unerforscht und unbesehen. Der Antisemitismus erfand als Teil christlicher Religion seine eigene jüdische Religion.

Die Inhalte waren aus jüdischer Sicht größtenteils absurd. Sie hätten Jesus ermordet, würden Kinder opfern, hätten ein ausschweifendes Sexualleben, okkulte Riten, strebten die Weltherrschaft an. Das Anfang des 20. Jahrhunderts von Antisemiten erstellte Pamphlet der Protokolle der Weisen von Zion fasste dieses christliche Hassprodukt zusammen. Mit der jüdischen Religion hatte es nichts zu tun. Man schrieb den Juden Charaktereigenschaften wie Geiz und Gier zu. Es sei religionstypisch, obwohl man aus der gemeinsamen Bibel besseres wusste. Die Vorwürfe müssen nicht widerlegt werden.

Judentum als Kultur

Es ist also nicht die jüdische Religion, die Gegenstand des Antisemitismus wurde, sondern das, was ihr in den Augen christlicher Gesellschaften historisch fehlte: der Bezug zu einer staatlichen Herrschaft, ihr Hang zu bürgerlicher Freiheit des Individuums, ihr rabulistischer (diskutierender) Umgang mit den heiligen Schriften, die man anders als Islam und Katholizismus anpassen konnte und schließlich der fehlende Bezug zu einem Staat, der sie zur Staatsreligion hätte machen können. Das hat sich im Recht Israels bis heute erhalten. Es fehlt ihm ein Grundgesetz mit einer ideologischen Zuordnung. Es erkennt viele Religionen und Abstammungen an und überlässt den großen Religionen sogar die Familiengerichtsbarkeit. Damit setzt Israel zumindest rechtlich eine Tradition der Juden fort, die den verschiedensten Religionen angehörten oder der Religionsgeschichte ihrer Vorfahren allein kulturelle Bedeutung beimaßen.

Die große Zahl von Personen jüdischer Abstammung als Repräsentanten bürgerlicher Ideale wie etwa in der Anwaltschaft und unter Ärzten sowie die unübersehbare Bedeutung in der sozialistischen und sozial-demokratischen Bewegung (Marx, Luxemburg, Liebknecht, Levi oder der russische BUND) haben auch etwas mit der Liberalität der französischen Revolution zu tun, die sich gegen die Restauration nach dem Wiener Kongress und dem Wiedererstarken des Raubprinzips Ende des 19. Jahrhunderts zu wehren hatte. Juden wurden zum Inbegriff der bürgerlichen Gesellschaft, ihren individuellen Freiheiten aber auch ihrer sozialen und kollektiven Fortentwicklung.

Wirtschaftlicher Antisemitismus

Der Nationalsozialismus war ein gigantisches Bereicherungssystem. Er fügte sich dabei in den Rahmen des Spätkolonialismus in, der durch Abwertung anderer Menschen im Kapitalismus eine Moral durchsetzte, in der die angenommene Höherwertigkeit der eigenen „Rasse“ die Möglichkeit schuf, anderen Menschen innerhalb (Pogrom) wie außerhalb  (Krieg) der eigenen Gesellschaft ihren Besitz zu rauben. Durch Versklavung der Arbeitskraft wurde dies auf die Person ausgedehnt. Die industrielle Nutzung der Haare der Getöteten in den KZs führte in ein bis dahin ungekanntes Extrem.

Verdrängung, Boykott und Arisierung

Im April 1933 begann es mit dem Boykott jüdischer Geschäfte. Dahinter versteckte sich der der Raub des Kundenstamms von Einzelhändlern. Die „Arisierung“[18] verklärte die primitive Bereicherung Raub zur rassistischen Überzeugungstat. Den Profiteuren der Berufsverbote etwa bei Anwälten ging die eigene Bereicherung mit der Klientel jüdischer Anwälte nicht schnell genug. Der Einweisung in die KZs ging der Raub des Vermögens voraus. Die Soldaten schickten die im Kriegsland gestohlenen Güter mit der Feldpost an ihre Angehörigen. Was im großen Stil bürokratisch daher kam, indem Verlage, Unternehmen, Banken etc. übernommen, für Scheinpreise gekauft oder fusioniert wurden, setzte sich als Freibeuterbrief für Uniformierte der Unter- und Mittelschichten fort. Ganz neu war das nicht. Die Folgen der kulturellen Ausbeutung im koloniale Rassismus versuchen wir gerade erst zu erfassen. Von Wiedergutmachung oder gar Bestrafung kann noch kaum die Rede sein.

Bestechung der Mitläufer

Die bürokratisch klare persönliche Abgrenzung des Opferkreises schaffte das, was Niemöller als „die anderen“ bezeichnete, denen beim Raub vermittelt wurde, dass sie nur als Begünstigte in Frage kommen. Dies hat das Heer der Mitläufer:Innen geschaffen, ein Phänomen, das die Langlebigkeit der Faschismus in Europa erklärt, so dass die Bereicherungsabsicht zum wesentlichen Bestandteil des Rassismus gehört. Über Staat und SS als Hauptprofiteuren der Bereicherung wurde zugleich das Raubgut Teil des Bruttosozialproduktes, so dass die Finanzierung der Raubzüge mit der Gelddruckmaschine bis zur Niederlage nicht auffallen musste. Soldatensold wurde auf Konten gehortet, Ehrenzeichen wie das Ritterkreuz mit nicht existenten Verfügungsrechten über Land im Osten vergütet. Trotz allgemeinem ökonomischen Niedergang und lohnfreier Arbeit herrschtre die rassistische Elite in Luxus und Reichtum. Während sie selber nur Wertvernichtung betreiben konnten, trieb sie die Chance des Wertraubes an, weiterzumachen. Görings‘ Schatzhaus „Carinhall“  und seine Schweizer Konten sind nur  der dreisteste Ausdruck dessen, was für ihn Rassismus bedeutete, nämlich das Recht zur unbegrenzten Bereicherung. Daher zeigt die enge Beziehung des Antisemitismus zum Eroberungskrieg nicht eine Folge, sondern Ursachen und Beweggründe dieser Perversion.

Rassismus und Geldgier[19]

Das bis ins 19. Jahrhundert aus Handwerk, Landwirtschaft, Staatsbediensteten verdrängte religiöse Judentum eignete sich für eine Stigmatisierung als Wucher– und Geldjude, Händler und Wechsler sowie freien Berufen. Das feudale Unverständnis über Geld, das keinen eigenen Wert hat, aber in der Hand der Handelshäuser wie der Fugger und Welser die mächtigsten Fürsten bestimmen konnten, führte über die Gleichung von Jude, Geld und Zinsnahme zu dem schon im antisemitischen Pamphlet der „Protokolle der Weisen von Zion“ (St. Peterburg 1903) Eindruck, die Juden als die Herren des Geldes hätten eine unermessliches verteilungsfähiges liquides Geldvermögen. Die Familien Rothschild und Oppenheimer mussten seit dem 18. Jahrhundert als Beweis herhalten, obwohl  das Bankgewerbe ganz andere Herren hatte. Verbunden mit dem Geldthema bei den Nazis war eine pornografische Darstellungsweise von Vergewaltigungen blonder deutscher Frauen durch jüdische Karikaturen in ihrem Hetzblatt „Der Stürmer“.[20] Das biblische Thema sexueller Zügellosigkeit wird mit einer typisch jüdischen liberalen politischen Haltung verbunden.

Politischer Antisemitismus

Antikommunismus und  Antisemitismus

Damit öffnet sich bereits die dritte Komponente, der politische Antisemitismus, der die den Antikommunismus („Grundtorheit des 20. Jahrhunderts“ (Thomas Mann)) zur Waffe gegen die missglückte bürgerliche Revolution schmiedete. Indem man die Juden mit einer international wirksamen Demokratie identifizierte, konnten sie zum Feindbild einer romantischen Gemeinschaftsideologie („Haus-, Betriebs- und Volksgemeinschaft“) erklärt werden. Die Nation schrumpfte zum Volk, aus dem religiösen Außenseiter wurde der politisch Außenstehenden. Die Bedrohung autoritärer und feudaler Besitzstände konnte damit wie auch in der Religion personalisiert werden. Bedroht waren ja nur die Juden. Deren Verbindung wurde der Bevölkerung nicht nur in Deutschland stereotyp eingehämmert. Die kommunistische Vision einer bedürfnisgerecht lebenden internationalen Weltgesellschaft wurde zu einer spezifisch jüdischen Bedrohung. „Die jüdisch-bolschewistische Intelligenz muss beseitigt werden.“ (Hitler 1941)

Mit dieser Konstruktion wurde der Antisemitismus zu einem ideologisch wirksamen Hebel der faschistischen Umgestaltung. Ideologisch lässt sich bei der jüdischen Religion ebenso wie bei praktisch allen Gemeinschaftsreligionen keine besondere Beziehung zu den sozial-progressiven Revolutionen finden. Sowohl die französische als auch die russische Revolution sahen die Kirche in Gegnerschaft. Dem Antisemitismus gelang es dagegen, sein Feindbild konkret in den Kampf einzubringen.. Dazu mussten nur Aktivisten der russischen Revolution bzw. der liberalen, sozialistischen und sozial-demokratischen[21] Bewegungen im Westen dem Judentum zugordnet werden, auch wenn diese Zugehörigkeit etwa bei Marx, Liebknecht, Luxemburg, Levi, Trotzki, Kamenev, Sinowjew keine erkennbar Bedeutung für ihr politisches Engagement hatte. Auch der Autobauer Henry Ford propagierte mit seinem Buch „Der internationale Jude“ diese Identifikation von Jude und Sozialist.

Juden in der progressiven Bewegung

Der politische Antisemitismus hatte historisch eine große Bedeutung, weil er die Personalisierbarkeit im Kampf um die Vorherrschaft zwischen rechten und linken Parteien, der Europa und die USA nach dem ersten Weltkrieg bestimmte, verbesserte. Man konnte die Refeudalisierung einer kapitalistischen Wirtschaft mit innerem wie äußeren Krieg verbinden. Tatsächlich hatte der religiöse Antisemitismus eine politische Auswirkung auf die Anhänger des jüdischen Glaubens.

Die Vertreibungen aus Ägypten (1500 v. Chr.), Babylon (539 v. Chr.), Jerusalem (70 n.Chr.), Spanien (1492), Russland (19. Jhdt) und Deutschland (1933), die aus der Perspektive der Opfer als Schoah, Holocaust oder Churban bezeichnet wird, schafft ein Gemeinschaftsgefühl der Juden als Opfer, das die fehlende Nationalstaatlichkeit zu ersetzen versucht. Dabei hatten diese Vertreibungen durchaus verschiede Ziele und Ursachen wie die Befreiung aus babylonischer Kriegsgefangenschaft, Rückkehr aus der ägyptischen Emigration, die Vertreibung wegen Aufruhrs durch die Römer, die religiöse Vertreibung aus Spanien und Russland sowie den Antisemitismus. Ein jüdisches Band, dass die Betroffenen verbindet, ist darin kaum erkennbar. Doch es reicht, dass sich alle Juden als das „Volk Israel“ darin wiedererkennen und nationale Solidarität entsteht.[22] Erst 1948 wurde ihnen die Chance eigener Staatlichkeit und damit der Bildung einer eigenen Nation eröffnet, wie es die in Russland entstandene und in Deutschland von den Juden weitgehend abgelehnte zionistische Bewegung seit  1880 nahelegte.

Mit dem Zionismus löste sich der Schulterschluss zwischen jüdischen Büger:innen und sozialer Bewegung auf. Die Internationalität des Judentums wurde nach dem Holocaust nicht mehr als Stärke, sondern eher als Schwäche angesehen. Damit gehört sie zwar zum Schicksal der Juden. Sie ist aber letztlich nur ein rassistisches Merkmal des Antisemitismus, mit dem dieser sein nationalistisches Feindbild für den Kampf geeignet macht.

Zusammenfassende Thesen

  1. Antisemitismus ist eine deutsche Form des Rassismus. Seine Besonderheit besteht darin, dass er
    1. zu rassistischen Zwecken einen Feind auserkoren hat, der nicht nur als Gegenbild zur eigenen Weltanschauung, sondern auch physisch als Gegner hergerichtet und bekämpft werden kann,
    2. 1933 mit der Fokussierung auf eine relativ kleine Gruppe von damals 500.00 Mitbürgern (heute 100.000) sein gesamtes rassistisches Konzept, das auch die Vernichtung von Sinti, Roma, Behinderten, Homosexuellen, Afrikanern, Asiaten, Russen und Polen umfasste, physisch umsetzen und damit den Eroberungskrieg vorbereiten und legitimieren konnte,
    3. die Judenfeindschaft nur als Mittel und nicht als Zweck faschistischer Rassenlehre nutzt.
  2. Antisemitismus benutzt die
    1. Religion, wo er die jüdische Religion diskriminiert,
    2. Wirtschaft, wo Raub und Bereicherung gegenüber Juden legitimiert,
    3. Politik, wo Juden unterstellt wird, sie wären durch Geschichte und Berufstätigkeit sowie den Umgang mit Geld an die politischen Richtungen gebunden, die demokratische, liberale, sozialistische oder soziale Ziele haben.
  3. Antisemitismus ist eine Lüge. Es ist
    1. eine Ideologie, die bei der Vernichtung anderer,
    2. der persönlichen Bereicherung sowie
    3. der Vergewisserung seiner eignen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Bande die Handlungsanleitung und Legitimation verspricht,
    4. rassistisch, weil er sich selber als höherwertige Rasse oder Schicht einordnet
    5. judenfeindlich, weil er sich nur auf diejenigen bezieht, die willkürlich als Juden definiert sind.
  4. Judenfeindlichkeit
    1. ist nicht notwendig rassistisch bzw. antisemitisch. Die Feindschaft kann sich auch aus Krieg und Konkurrenz ergeben.
    2. In Deutschland darf sie nicht zugelassen werden. Die erdrückende Last der Verbrechen des Holocaust an realen Menschen, die als Juden klassifiziert wurden, begründet die unwiderlegliche Vermutung, dass sie antisemitische Wurzeln hat oder Waffen benutzt.
  5. Wer den Antisemitismus bekämpfen will, muss
    1. den Rassismus bekämpfen und
    2. Juden, jüdisches Leben und Kultur schützen und fördern.
    3. den Rassismus gegenüber allen Gruppen gleich diskriminieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Die zweite Schuld: Oder von der Last ein Deutscher zu sein Taschenbuch, 2000

[2] Siehe zum Stichwort „Rassismus

[3] “Antisemit!”: Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, 2014

[4] Der ewige Antisemit – Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls, 2018

[5] Leider fehlen in dem Zitat die Juden. „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

[6] S. The Heritage of Jewish Lawyers in Germany, in: Strempel, D./Rasehorn, T. (Hrsg.) Empirische Rechts-soziologie- Gedenkschrift für Wolfgang Kaupen, Schriften der Vereinigung für Rechtssoziologie Bd. 27, Nomos: Baden-Baden 2002 S. 279 – 298: Gemeinschaft und Feindschaft im Ausnahmezustand, in Bennhold, M. (Hrsg.) Spuren des Unrechts, Köln 1988; The Bar in the Third Reich, McGill Law Journal (Montréal, Canada) Vol. 32 No.1 (1986) S.96

[7] §258 StGB lautet: „ (1) Wer einem anderen, der eine rechtswidrige Tat begangen hat, in der Absicht Hilfe leistet, ihm die Vorteile der Tat zu sichern,…“ Dazu gehört auch §258 (Strafvereitelung) „(1) Wer absichtlich oder wissentlich ganz oder zum Teil vereitelt, daß ein anderer dem Strafgesetz gemäß wegen einer rechtswidrigen Tat bestraft … wird,“ Beides kann nach dem Tod der unmittelbaren Täter auch auf die fortdauernde moralische Verurteilung ihrer Taten bezogen werden, die erst die Bedrohung der Opfer und ihrer Nachkommen aufhebt.

[8] Ralph Giordano. Die zweite Schuld – Oder Von der Last Deutscher zu sein, 1987

[9] Der Verfasser ist in seiner Arbeit davon nicht verschont geblieben. Er hat in der Aufarbeitung der Verfolgung jüdischer Juristen in Deutschland einerseits in West-Berlin mit der Minderheitsfraktion der jüdischen Gemeinde zusammengearbeitet und in Ernst Scholem einen hervorragenden Partner für seine Interviews mit Verfolgten gehabt. Andererseits erhielt er Mitte der 1980ziger Jahre ein Schreiben von der israelischen Botschaft, indem ihm ewig gestriger Antisemitismus vorgeworfen wurde. Dem war eine Ausstellung unter der Schirmherrschaft dieser Botschaft in der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg vorausgegangen, die die neuere Geschichte Israels und der Juden von der Nazizeit an darstellen sollte. Als ein palästinensischer Student unter meinen Augen davon zwei Plakate abriss bin ich auf ihn zugelaufen und habe ihn mit Gewalt daran gehindert, sein Tun fortzusetzen, weil ich darin Antisemitismus vermutete. Als er mir allerdings die Plakate zeigte, die eine direkte Linie zwischen dem Volksheld der arabischen Welt, Gamal Abdel Nasser (1970†) und Adolf Hitler bot ich dem Studenten an, einen Protestbrief an die Organisatoren zu schreiben, der dann eine wenig befriedigende Reaktion zeitigte. Die Zwietracht empfand ich aber auch, als ich in einem Projekt die Darstellung von „inneren Feinden“ in Bildzeitung und FAZ einerseits und andererseits im Völkischen Beobachter und Der Stürmer untersuchen ließ und damit konfrontiert war, dass Axel Springer wegen seiner Verdienste um den Staat Israel praktisch aus der Untersuchung ausgeschlossen wurde, während man dem eher liberalen Spiegel Antisemitismus für seine Israelkritik vorwarf.

[10] Die IHRA ist 2018 ein Zusammenschluss von 32 Staaten vornehmlich die EU-Staaten, Israel und die USA mit dem Ziel, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. „Da die Menschheit noch immer von … Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit gezeichnet ist, trägt die Völkergemeinschaft eine hehre Verantwortung für die Bekämpfung dieser Übel“. (Stockholmer Erklärung vom Januar 2000) Die acht Ziele der IHRA sind hier zusammengefasst und machen deutlich, dass die Bekämpfung des Antisemitismus ein wesentliches Mittel ist, um diese Ziele zu verwirklichen..

[11] Carl Schmitt (Hrg.) Das Judentum in der deutschen Rechtswissenschaft. Ansprachen, Vorträge und Ergebnisse der Tagung der Reichsgruppe Hochschullehrer im NRSB am 3. und 4. Oktober 1936, Heft 1, Berlin 1936.

[12] Tendenziell so die Stellungnahme des israelischen Botschafters  mit Verweis auf die BDS-Bewegung. Dazu auch die „Gründe, warum BDS antisemitisch ist.“ Durch das Anne-Frank-Zentrum.

[13] Vgl. aber den unbrauchbaren über einen Aufsatz von Thomas Nipperdey sekundär zitierten Brockhaus-Artikel von 1892 in Wikipedia, der Semiten mit Semitismus verwechselt. Ebenso die Definitionen in Wiktionary: „ [1] Judentum, ungenaue Bezeichnung für die Gesamtheit der Juden als Volksstamm, ohne Rücksicht auf die Religion  [2] sprachwissenschaftlich: eine Anleihe an Konstruktions- oder Ausdrucksweisen, wie sie in semitischen Sprachen üblich ist“.

[14] Der Zionismus des Theodor Herzl hatte z.B. unter deutschen Juden kaum Anhänger. Seine Idee, dass Juden schon vor dem Erscheinen des Messias einen irdischen Staat bilden sollten, wurde nicht nur von den orthodoxen Juden bis heute, sondern vor allem auch von den wenig religiösen assimilierten Juden in den westlichen Staaten, in denen die Diskriminierung abgenommen hatte, abgelehnt. (etwa der Bruder von Lion Feuchtwanger,  Sigbert Feuchtwanger, Die wissenschaftliche und die politische Judenfrage, Zeitschrift für Politik Vol. 9 (1916), pp. 471-544), Die Idee des Zionismus (dazu Theodor Herzl, Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage., Leipzig und Wien 1896) war von Anfang an eng mit der Ablehnung und Verfolgung von Juden in der Diaspora und damit mit dem Antisemitismus verknüpft, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ursache und Wirkung vertauschte.

[15] Heinrich Heine, Der Rabbi von Bacharach, 1840 Es geht im Wesentlichen um die Entdeckung einer von Antisemiten in der Synagoge platzierten mit Tierblut verschmierten Kindsleiche. Zur Strategie der Nazis vgl. folgende Fußnote.

[16] „Kampf dem Marxismus sowie dem geistigen Träger dieser Weltpest und Seuche, dem Juden!“ (Dietrich Eckart, Der Bolschewismus von Moses bis Lenin. Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir, München 1924)

[17] Ein verheerendes Pamphlet, das bis heute ungehindert verbreitet werden kann, ist die antisemitische Schöpfung eines angeblich zionistischen Aktionsplans mit dem Titel „Protokolle der Weisen von Zion“.  Es wurde mit dme Untertitel : „Das Programm der internationalen Geheimregierung“ Hammer Verlag Leipzig 1941

[18] Biggeleben, Schreiber, Steiner (Hrsg.): „Arisierung“ in Berlin, Berlin 2007; Andrieu; Goschler, Raub und Restitution. “Arisierung” und Rückerstattung des jüdischen Eigentums in Europa, 2003. Kahl, Arisierung der Wirtschaft. Verdrängung der Juden aus dem Privatbankenwesen 2016.

[19] Ausführlich Reifner, Das Geld II, 2017 S. 116 ff

[20] Forschung zum „Stürmer“: „Antisemitischer Boulevard und Nazi-Pornografie“ SZ v. 20. November 2019

[21] Christian Dietrich: Im Schatten August Bebels. Sozialdemokratische Antisemitismusabwehr als Republikschutz 1918-1932. Wallstein-Verlag, Göttingen 2021.

[22] Israelische Identität

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