“Das Geld 1-3” & “Die Finanzkrise” (2017)

Das Geld (2017)

Inhaltsangabe Das Geld Bd. 1-3 u. Die Finanzkrise (Springer 2017)

[1200 Seiten für die drei Bände zum Geld und dem Vierten zur Finanzkrise zu rezensieren kann dauern. Einen Kollegen die Rezension anzudienen ist nicht redlich. Daher der Kompromiss, eine Eigendarstellung. Nach den beiden ermutigenden Leserreaktionen zum Vorgängerbuch “Die Geldgesellschaft” auf Amazon ist es vielleicht nicht verkehrt, durch eine Inhaltsangabe Interesse zu wecken. ]

Gesamtwerk

Das Werk besteht zusammen mit dem ebenfalls 2017 erschienen Buch “Finanzkrise” als eine Art Resümee aus 40 Jahren der Beschäftigung mit dem Geld aus einer hier eher seltenen Verbraucherperspektive. Der vierte Band soll praktisch demonstrieren, dass diese Perspektive weiterführt. Zusammengefasst braucht das Geldsystem mehr Werthaltigkeit in den zugrundeliegenden Forderungen. Die moralisch-rechtliche Dimension ist eine ökonomische Notwendigkeit einer globalisierten Geldwirtschaft für alle geworden.

In Band 1 – 3 werden die wichtigsten Themen zu Geld und Finanzen lehrbuchartig abgehandelt. Der vierte Band ist eine Demonstration des praktischen Nutzens der in den ersten drei Bänden entwickelten Theorien und Definitionen zum Geld. In ihm wird die Finanzkrise ab 2008 erläutert, die keinesfalls zu Ende ist, sondern auf einen Schwelbrand zurückgestuft wurde. Bd. 4 zudem enthält das detaillierte Inhaltsverzeichnis aller drei Bände sowie ein Glossar, bei dem die wichtigsten Begriffe des interdisziplinären sozialökonomischen Ansatzes erläutert werden.

Unterscheidungsmerkmal

Das Werk unterscheidet sich beträchtlich von den bisherigen Büchern zum Thema Geld, die sich überwiegend die Perspektive einer einzigen Disziplin zueigen machen. Es behandelt anders als das Vorgängerbuch deren Definitionen ausführlich allerdings in die Fußnoten verbannt, die fast die Hälfte des Werkes ausmachen und selbständig gelesen werden können. Sie sind interessant für Leser, die lebensnah die Bedeutung und Herkunft von Theorien wie Ideologien erfahren wollen. Von der Musik über die Literatur bis hin zu Religionen oder den Anschauungen der Finanzmathematik haben sich die Menschen überall Vorstellungen über Geld gemacht, mit denen sie ihren Alltag produktiv bewältigen wollen und können, dann aber gerade an diesen Vorstellungen scheitern, wenn es um Veränderungen geht.

Ziel

Der Kapitalismus braucht eine deutliche Fortentwicklung, um die anstehenden Probleme der Menschheit kollektiv bewältigen zu können. Hierzu muss über das System hinaus gedacht werden. Der Kapitalismus ist daher nur ein für die Entwicklung der Produktivkräfte ebenso wie für die gedankliche Vorbereitung von Demokratie wichtiges aber keineswegs ausschließliches Instrument. Seine Verobjektivierung zu einer Instanz trägt die Gefahren religiöser Überhöhung des Bestehenden.

Geld, Markt und Wachstum “verlangen” nichts vom Menschen. Solche Subjektivierungen schaden der Kreativität, mit der die Nutzung von Geld beherrscht werden sollte. Um über den Kapitalismus und sein ihn treibendes Finanzsystem hinausdenken zu können muss man für die Erkenntnis seiner Grundprinzipien in der Wissenschaft in die Zeit zurückzukehren, in der der Kapitalismus noch nicht das Denken dominierte. (Dass wir dem Geld einen eigenen Wert beimessen und damit gedankenlos “richtig” handeln können gehört in der Praxis zu den enormen Produktivitätsfortschritten des Kapitalismus. Allein die Gedankenlosigkeit verhindert auch seine grundsätzliche Fortentwicklung.)

Ausgangspunkt eines grundsätzlichen Verständnisses sind die Begriffe von Geld und Wirtschaft in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles. Sie wurde zu einer Zeit geschrieben in der noch nicht klar war, welches Wirtschaftssystem das Denken dominieren wird. Kapitalismus wird daher als ein mögliches Denkgebäude und nicht als alles beherrschendes reales System begriffen. .

Ökonomie des Geldes

Damit setzt sich der erste Band. die Ökonomie des Geldes, auseinander. Statt einer funktionalen Definition von Geld bestimmt er Geld als “zirkulationsfähige Forderung”. Man braucht das Recht (Forderung), die Ökonomie (Zirkulation), und die Soziologie (Fähigkeit, Vertrauen), um Geld verstehen zu können.  Geld baut auf der rechtlichen Anerkennung dieser Forderung durch das Gemeinwesen (religiöser Ursprung, Verfestigung zu Staat und Recht) auf. Die Zirkulationsfähigkeit enthält soziologische Faktoren wie Vertrauen und Macht, während die Ökonomie das Geld im Verteilungssystem der Wirtschaft verfolgt. Somit erfand nicht der Tausch oder gar der Markt das Geld, sondern umgekehrt das Geld ermöglichte den Tausch. Wirtschaft ist danach nicht auf den Markt begrenzt, sondern findet überall dort statt, wo kooperiert wird. Die Kooperation ist der wesentliche Hebel zur Entwicklung der Produktivkräfte. Es kommt für ihr Gelingen historisch nicht darauf an, ob sie freiwillig oder erzwungen, räuberisch oder friedlich erfolgt. Sie wird objektiv gefasst. Sklaverei ebenso wie der Markt oder reziproke (kollektive, altruistische) Formen der Wirtschaft konkurrieren miteinander. Die aktuellen Entwicklungen wie Share Economy, Abwege wie der Bitcoin oder die neue Gemeinnützigkeit werden hier von einer Theorie eingeholt, die nicht auf das Almosen oder die Freiheit vom Geld zurückgreifen muss. .

Kredit ist dann ungleichzeitige Kooperation, die das Geld revolutionierte, der Zins eine garantierte am durchschnittlichen Kooperationsertrag orientierte Gewinnbeteiligung, die langfristig die bestraft, die diesen Zusammenhang ignorieren wollen. Risiko ist schließlich ein gedankliches Konstrukt, mit dem vor allem über Versicherung oder Wette Belastungen so gestreut werden können, dass Wagnisse auch individuell möglich werden. Das Geld schafft so das unternehmerische Handeln. Doch diese theoretischen Gebäude bleiben nicht abstrakt. Man kann komplex strukturierte Futures und Leerverkäufe durchaus entzaubern. Phänomene, denen wir im Geldsystem begegnen und die durch ihre Anglizismen und Leerformeln undurchdringlich erscheinen, werden in dieser Aristotelischen Sprache verständlich. Dies gilt auch für das Bankensystem, dem die Garantie der Zirkulationsfähigkeit des Kreditgeldes zugefallen ist, ohne dass es dafür auch die politische Verantwortung übernommen hat.

Soziologie des Geldes

Der zweite Band fragt, warum wir das Geldsystem auch im Detail so „falsch“ begreifen, wie es in der Verkehrung vom Geld als Mittel ohne Selbstwert zum wertvollen Zweck allen Handelns entgegentritt. Hier wird die These aufgegriffen, dass Ökonomie ein Gedankensystem ist, das nicht erst im Kapitalismus dazu geführt hat, dass man seine Zwänge nur verstehen müsse. Vieles, was die Kritiker vor allem dem Kapitalismus zuschreiben, ist im Sinne von Wirtschaft als Form der Kooperation Teil jeder arbeitsteiligen und ungleichzeitigen arbeitenden Wirtschaft.

Doch Wirtschaftssysteme streben nach Übereinstimmung und Akzeptanz. Religion, Erziehung, Befehl oder Alltagsbewusstsein streben nach einer ideologischen Autarkie, mit der individuelles Verhalten von den Zwängen rationalen Nachvollzugs befreit und ein Handlungsautomatismus zu gemeinschaftsfreundlichem Verhalten erzeugt wird. Gottgefälliges, moralisch gefordertes ebenso wie „rationales“ Verhalten des homo oeconomicus sind solche Annahmen (“Heuristiken”). Ser ermölgichen Kooperation und minimieren die Kosten von Nachdenklichkeit im Alltag. Der geistlose Arbeiter (Bete und Arbeite) ist, so ein taugliches Modell zur Erklärung produktiver Wirtschaft.

Doch Heuristiken können auch zum gefährlichen Mythos werden. Band 2 zeigt Gefahren dieser Geistlosigkeit auf, die Absichten von Ökonomen, Politikern aber auch Moralisten hinter Modellen verstecken. Geldvorstellungen über Reichtum und Armut verniedlichen sich in den Zahlenkolonnen der Regierungen zu Gelddifferenzen. Doch Geld erklärt keine Armut. Es ist umgekehrt. Der Mangel an Geld ist Ausdruck von Exklusion. Daher kann die Geldfreiheit auch kein Menschenrecht sein. Im Gegenteil, das Missverständnis von einem aus dem Eigentum übernommenen Menschenrecht ist zur Geißel geworden.

Im Kapitel über Geldmythologien wie Mikrokredit, ethisches Investment, Finanzbildung, Alternativgeld etc. wird aufgezeigt, wie solche Mythologien sich so weit von der Realität entfernen, dass sie kritische wie empathische Menschen fehlleiten, die so dringend für seine Fortentwicklung einer sozialere Gesellschaft gebraucht würden. Gerade für sie wurde das Wissen in den drei Bänden aber zusammengefasst. Das System wehrt sich gegen seine Kritiker auf subtile Weise. Die Berichte in den Fußnoten über Kongresse, Scheinbeweise, Gurus wie den Nobelpreisgekrönten Muhammad Yunus in den Fußnoten illustrieren dies. Auch die Macht der Banken ist in der öffentlichen Kritik zum Mythos verkommen, die die Auseinandersetzung mit ihrer realen Macht verstellt. Macht ist ebenso wie Gier und Gewinn weder an sich gut noch schlecht. Wirtschaft braucht als Kooperation (funktionale) Macht, weil sie Koordination erfordert, die mit Basisdemokratie in Konflikt gerät. Funktionale Macht der Banken aber ist nicht das Problem. Wer die Leitung übernimmt, um die Arbeit anderer produktiver zu gestalten, der nützt der Gemeinschaft. Rechtlich geächtet wird daher auch nur der Macht”missbrauch” der Banken. Wucher, Betrug, Erpressung und Untreue sind die Kriterien des Machtmissbrauchs.

Recht des Geldes

Damit kommt der dritte Band zum Recht des Geldes ins Blickfeld. In ihm wird illustriert, dass im Anschluss wiederum an Aristoteles die Grundlage der Ökonomie nicht die Arbeit, sondern der Konsum bildet. Er repräsentiert die Menschen, die das „gute Leben“ (buen vivir) anstreben. Was Aristoteles als Würde ansah, die kollektive Dimension des gutes Lebens, die letztlich nicht auf Kosten anderer zu erreichen ist, bringen uns heute die nur noch kollektiv zu bewältigenden Gefahren der Globalisierung näher.

Der dritte Band ist daher kein technischer Band, in dem Auslegungsprobleme des Rechts diskutiert würden. Hier werden bis ins Detail aus langjähriger gutachtlicher Tätigkeit für Regierungen und Kommission Juristen vor neue Herausforderungen gestellt. Es geht nicht um beliebige Paragrafen, sondern um den Urgrund des Rechts, seinen Anspruch auf Gerechtigkeit, der häufig unter den Paragrafen vergraben wurde. Recht ist als Ordnung nur Mittel der Kooperation. Es hat im Streben nach Gerechtigkeit eine eigene Berufung neben Politik und Effizienz. Gerechtigkeit verlangt i.S. des Aristoteles die Vereinigung von zwei Menschenrechten: Freiheit und Gleichheit nur in umgekehrter Reihenfolge. Während die Freiheit das immerwährende Ideal aller Systeme jedoch nachrangig zum Status in der Gesellschaft war, gehört die Gleichheit zum neuen Erbe der bürgerlichen Revolution. Die freie Gleichheit als die eigentliche Gerechtigkeit wurde von ihr als soziale Gerechtigkeit abgespalten, die die eigentliche Gerechtigkeit formal gleicher Eigentümer nur noch einschränken kann. Für Aristoteles war Gerechtigkeit das dagegen „Mittlere“ zwischen Gleichem. Marx radikalisierte dieses Postulat. Aus der freien Gleichheit wurde das Ideal der gleichen Freiheit für alle.

Gerechtigkeit ist Ideal und als solches ausreichend im Konflikt mit den produktiven Zielen der Kooperation. Gleiche Freiheit kann niemals vollständig erreicht werden. Auch die Gerechtigkeit bleibt daher eine Heuristik. In den Kapiteln zum Zivil-, Straf-, Aufsichts- und Steuerrecht wird dieses Konzept einer rechtlichen Analyse der Ökonomie praktisch dargestellt.

Der Verbraucherschutz wird als Kernelement des Darlehensvertrages dargestellt, im Strafrecht löst der zur Untreue gewordene systemische Betrug die konkrete Bereicherungsabsicht ab genauso wie der der systemische Wucher die individuelle Ausbeutungsabsicht erübrigt. Das Steuerrecht wird zu einem Forderungsrecht fortentwickelt, das die verschiedenen Kapitalformen berücksichtigt und Geld nicht dort verlangt, wo keine liquiden Gewinne entstehen. Im Aufsichtsrecht füllt der ins Finanzaufsichtsgesetz eingefügte kollektive Verbraucherschutz die Leere eines bloßen Geld- und Bankenschutzes aus.

 

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