Malta 2006

Irgendwie kennt sie jeder, die Insel Malta, die bei schönem Wetter auf Sichtweise zu Sizilien Jahrhunderte zu dessen Königreich gehörte. Als einer der 25 Staaten der europäischen Union ist ihr Name dort bekannt, wo sich der protestantische Malteser Orden, den die Katholiken als St-John’s Orden für sich reklamieren, sich um die Kranken oder auch nur um die Krankentransporte kümmert.

Wer von Rom, Mailand oder London aus über dem Flughafen von Norden her einschwebt, hat eine mittlere Großstadt überquert, die auf dem Boden angekommen sich in mindestens 11 Städte zerlegt. Sie sind um eine Bucht gruppiert sind, die wie der Querschnitt eines großen Mundes wirkt, in die vom Rachen her ein Zunge hineinragt, die die Bucht in zwei Häfen teilt, der rechte Teil  als Grand Harbour im Westen und im Osten der linke Teil Marsamxett Harbour. Auf der Zunge, die spitz zum Meer zuläuft liegt Valetta oder auch La Valetta, wie sie die Italiener nennen. Um sie dreht sich das moderne Malta seid dem Mittelalter. Sie ist die Hauptstadt eines aus drei Inseln bestehenden Staates, der neben der Hauptinsel noch die weit kleinere Insel Gozo und zwischen beiden das grüne Inselchen Comino umfasst. Valetta ist Malta und Malta heißt der Staat und nach ihm der Orden, der auf Krankenwagen mit der Lilie prangt. Auch der Malteser Falke hat es im Kriminalroman zur Berühmtheit geschafft. Erst Truppenübungsplatz und Flugzeugträger der Briten, jetzt ihre Flaniermeile am Meer mit Direktflügen aus dem Königreich der Sprachfaulen, die hier Leute zurückgelassen haben, die sie verstehen. Für den Rest Europas ist sie eine Alternative zum garstigen Norden als Sprachferieninsel nahe der Sahara mit kühlem Meerwind, wo die Gymnasiasten mit oder ohne Oma und Tante das Erlernen des Euroesparanto durch die Teenie-Tanzlokale im Sliema am Ostufer der Bucht versüßt bekommen. Malta ist heute Touristenort für Deutsche und Engländer in Sliema, es ist neuere Geschichte der europäischen Großmächte und Päpste in Valetta und ältere Geschichte des südlichen Mittelmeers in Mdina, das immer noch das eigentliche Malta beherrscht, das in den Geschichtsbüchern so wenig vorkommt, wie Leben und Kultur der Sachsen, von denen in der Frühzeit nur bekannt ist, dass Karl der Große sich ihrer erbarmte und sie durch seine als Sachsenschlächterei bekannt gewordene Christianisierung zu historischer Bedeutung erhob.

Fangen wir mit Valetta an ebenso wie wir es vom deutschen Kaiser Karl dem Großen oder dem französischen Kaiser. Charlemagne gewöhnt sind, weil Malta ohne Geschichtskenntnisse leicht den Reiz einer blau überwölbten Hotelstadt nach dem Vorbild Dubais bekommen könnte.

Die seid Urzeiten besiedelte Insel Malta wurde 1530 von einem Haufen edler Ritter zum Sitz erkoren, die eine lange eher traurige Geschichte der Vertreibung hatten und wie so oft bei Vertriebenen zunächst selber ausgezogen waren, um andere zu vertreiben..

Schon Mitte des 11. Jahrhunderts hatten italienische Kaufleute in Jerusalem für die immer noch friedlich betenden christlichen Pilger ein Krankenhaus errichtet, das von einer Gruppe von Männern geführt wurde, die den Namen „Hospitaler Orden“ erhielten. Vom Größenwahn des mittelalterlichen Christentums getrieben nahm dann der erste christliche Kreuzzug lange vor dem Kolonialkrieg der Engländer und der gewaltsamen Bekehrung Mesopotamiens zu freedom und democracy am 15. Juli 1099 Jerusalem mit Gewalt ein und befreite damit die Hinrichtungsstätte ihres Heilands vom Islam. Ihre Befreiung durch die Glaubensgenossen machte aus ihrem Hospital ein Feldlazarett, dass sie getreu dem biblischen Motto, dass wer sich selbst erhöht erniedrigt wird mehrfach an anderer Stelle neu aufbauen mussten, bis es dann an der Zungenspitze von Valetta seinen endgültigen Sitz fand, heute aber als Kongresscenter das lädierte Selbstbewusstsein seiner Redner heilt. Hospitäler brauchen alle, Lazarette nur die Sieger.

Daher erhoben der Kreuzritter König Balduin von Jerusalem und Papst Pascal der Zweite die ritterlichen Pfleger zum kirchlichen Orden des Heiligen Johannes, bis 1291 die anderen Nachfahren des Abraham dem Spuk der Kreuzfahrer auf Dauer ein Ende bereiteten. Lazarett und Orden zogen sich zurück in die Etappe nach Zypern, von wo sie 20 Jahre später wieder dem Sultan weichen mussten und nach Rhodos übersiedelten. Die Schlacht ist bis heute nicht zu Ende. Erst Ende des 20. Jahrhunderts  entthronten die Griechen ihren eigenen mit den Muslimen allzu nachsichtigen Glaubensgenossen Erzbischof Markarios, um sich ganz der Insel zu bemächtigen, was wiederum die Nachfahren des Sultans dazu bewog, eine Hälfte der Insel zu besetzen. Mit diesem Problem schlägt sich die EU bekanntlich bis heute herum, weil die Griechen die Inseltürken nicht in der EU haben wollen. Die Muslime gingen, wie wir schon auf Kreta berichtet haben, im Mittelalter offensichtlich pfleglicher mit Andersdenkenden um, was die etwas provinzialistische neugriechische Literatur zur Eroberung Konstantinopels übersehen möchte.

Vergolten wurde es den Muslimen kaum, denn die Christen überdauerten alles auf Kreta und Rhodos und ließen später ebenso wenig von den Muslimen übrig, wie es die serbisch Orthodoxen in Bosnien vorhatten. Wer den Islam als Religion des Terrorismus verdächtigt sollte sich die Bibel und ihre west- wie oströmische und später anglikanische oder deutschchristliche Exegese vergegenwärtigen. Terroristischer als das Christentum hat es bisher noch keine Religion geschafft, die Welt zu verheeren.

Inzwischen aber gehören alle zur Europäischen Union: Sizilien, Zypern, Rhodos und Malta und auch die Nachfahren des Sultans haben allen österreichischen Lamentos zum Trotz eine feste Option. Das lässt hoffen und gibt einem Wolfenbütteler Bibliothekar recht, der den Ring der Weisen erfand, der gerade deshalb Frieden stiftet, weil niemand weiß, wer ihn hat.

1522 fiel die Festung Rhodos der Belagerung durch Suleiman den Großen zum Opfer, so dass der französische Großmeister des Ordens Bruder Phillippe Villiers sein Pflegepersonal mit nach Messina im nahegelegenen Sizilien nahm. Messina war damals Spanien und zugleich Deutschland und vieles mehr, weil Karl V. sein Reich so eingerichtet hatte, dass dort die Sonne nicht mehr unterging. Über ihn und das Wirken seiner Inquisition sind wir in Lima gestolpert, ebenso wie wir in Helsinki über den Krimkrieg und in London über die Vikinger stolperten, was deutlich werden lässt, dass die Welt nicht größer sondern nur selbständiger geworden ist..

Don Ettore Pignatelli, Graf von Monteleone, Vizekönig und Generalkapitän des Herrschers Karl des Fünften lautete die Titelkaskade seines Statthalters in Sizilien, ein Imponiergehabe, das sich bis heute auf Kongressen bei der Vorstellung der distinguished speakers durch den Chairman fortsetzt, wenn entsprechend den Maximen der Leistungsgesellschaft der Geburtsadel durch Ehrendoktoren, Wissenschaftspreise und Stiftungslehrstühle ersetzt wie Lametta über die Schultern des Geladenen gelegt wird. Der Mensch ist, was er sein soll oder wie Handlke seinen Kaspar Hauser in den Mund legt, „Ich möchte ein solcher werden, wie ein anderer vor mir gewesen ist.“

Pignatelli war Italiener. Karl V ebenso wie die alten Römer verfuhren bei ihren Statthaltern so wie die intelligentesten multinationalen Unternehmen heute, die durch Ortsansässige herrschen lassen und daher einen Italiener als spanischen Statthalter ebenso geduldet hätten wie die Römer den Herodes statt des Pilatus über Jesus richten ließen. Die Kolonialherren von damals hatten anders als die Kolonialisten des 19. Jahrhunderts noch einen Sinn für solchen Reichtum, der sich nicht in Demontage und Raub erschöpfte.

Früher schenkte man sich dafür ganze Länder so wie heute Patente und Urheberrechte. Es war nicht so schlimm wie die Annexion des Sudetenlandes durch das deutsche Reich.

Opfer dieser Politik war auch das wenige Quadratkilometer große Felsenensemble, das noch südlicher als Tunis liegt. Der italienisch-spanische Vizekönig hatte eine ganze Auswahl von Inseln, die er den gestrandeten Rittern hätte geben können. Dass letztlich die Wahl auf Malta fiel ist eher seinem kühlen Kalkül und seiner Geringschätzung für französische Ritter geschuldet, die er nicht beschenken sondern lieber beleihen wollte, was  früher bekanntlich Lehen hieß.

Kredit nämlich schafft Abhängigkeiten. Die Ritter hätten, wie aus den Zeugnissen hervorgeht, lieber eine blühende Insel für verdiente Militärveteranen gehabt. Malta dagegen war und ist karg, der Sonne ausgesetzt, felsig und mit Ausnahme eines kleinen eingegrenzten Streifens Krüppelholz an der Straße von Rabat nach Dingli ohne Wald. Lebensmittel und Holz mussten aus Sizilien herangeschafft werden. Die Nähe zu Libyen und Tunesien machte es zum Einfallsgebiet der Seeräuber und Barbaren, die bei uns Raubritter und Ausländer genannt worden wären. Zugleich war es aber auch Tankstelle in dem Bestreben der Großmächte, das Mittelmeer abzuschotten, so dass deren Flotten es ebenso wie 400 Jahre später die Amerikaner Diego Gracia oder die Azoren als Nachschubhäfen missbrauchten.

Mit eine paar Fürsprachen des Papstes und anderer Potentaten des Mittelmeerraums schenkte Karl V. das Inselchen von 15 km Länge und 8 km Breite dem Orden der französischen und deutschen Ritter. Sie hatten ihre Petition noch in Italienisch und nicht in Spanisch verfasst, was den Hof anders als die Regierungen heute, die den Umweg über das Englische verlangen, offensichtlich noch nicht in Verlegenheit brachte. Das Geschenk, was sie bekamen, war jedoch der Danaer würdig. Man schenkte, was man kaum besaß, so wie die Naziregierung ihren Ritterkreuzträgern noch zu erobernde Ländereien im Osten in Aussicht stellte.

Herrscher über das Eiland waren nämlich eher die Türken und Piraten, die durchaus nicht kriminelle sondern einfach nur „Fleischfresser“ im ökologischen System der mittelatlterlichen Menschheit waren. Sie hatten die Insel mehrfach wehrlos vorgefunden und 1488 geplündert, so dass auch Sizilien bedroht erschien. Ein paar reiche Ritter aus dem Norden versprachen daher eine viel versprechende Besatzung. Das reichte Karl V aber noch nicht. Er verlieh ihnen noch Tripolis in Libyen, das ständiger Stützpunkt der Feinde war  und der Übergabe eines Pulverfasses gleichkam, dessen Lunte bereits brannte.  Diese Stadt hätten die Amerikaner, als sie Ghadaffi’s Sprengung eines Passagierflugzeuges über Lockerbee schockte, ebenso gerne wie damals Karl V den Briten verliehen, statt sie selber bombardieren zu müssen.

Letztlich war die Absicht Karl V., die Türken, die es bis Wien geschafft hatten, im Osten des Mittelmeers abzuriegeln, um im Westen freie Hand zu haben, nicht gerade erfolgreich. Er provozierte, wie so oft in Geschichte und Psychologie, durch Ausbau der Verteidigung erst die Aggressionen und lockte damit die Ottomanen zur verlustreichen Belagerung Maltas von 1551 an. Sie entvölkerten die eher unbekannte Schwesterinsel Gozo und überrannten die Ordensleute in Tripolis. Nach Jerusalem, Zypern und Rhodos hätten die westlichen Ordenskrieger fast auch noch die Malteser zu Tode verteidigt, wenn die Türken das Inselchen nach Auffassung der Historiker nicht eher für unbedeutend gehalten hätten, bevor sie sich in das östliche Mittelmeer zurückzogen.

Es mag aber auch das zehn Jahre vorher von den Rittern erbaute festungsartige Valetta gewesen sein, das sie abschreckte. Diese heutige Hauptstadt der Drei-Inseln-Republik, die die italophonetischen Malteser auch La Valetta nennen, und nach dem italienischen Großmeister des Ordens genannt war, gilt als Prunkstück der Stadt,. Sie ist auf der in die Meeresbucht hineinragenden erhöhten Felsenzunge von 2 km Länge und 300m Breite gebaut, die im vorderen Teil das Gitternetz von Manhattan mit der Abschüssigkeit von San Francisco teilt. Diese Zunge teilt das das Meerwasser, dass ins Land eingesogen erscheint, damit die Schiffe dort sicher einfahren und entweder an den Kiefern oder der Zunge selber ihre Soldaten löschen können.

Gebaut haben es natürlich nicht die Ritter sondern die Insulaner. Ebenso wenig wie die Königin Semiramis die hängenden Gärten im Irak erschuf oder der König von Theben die siebentorige Stadt hinsetzte oder Friedrich der Große Sanssouci und Ludwig der XIV. Versailles aufschichteten, ebenso wenig hat der Hospitaler Orden und spätere St. John`s oder Malteser Orden Malta besiedelt. Dort gab es Menschen mit einem Stadtrat und wechselnden Herrschern aus Westen, Süden und Osten, die es dem spanischen Karl durchaus Übel nahmen, dass er ihre Insel den wohlhabenden Oberschichtlern vom Nordufer des Mittelmeers überantwortete ebenso wie die Taiwanesen es bis heute nicht verwunden haben, dass die Kuomintang auf der Flucht vor den Roten ihre Funktionärsschicht dort abluden.

Die eigentlichen Malteser hätten keineswegs die für den Militärhafen geeignete Landzunge zum Hauptsitz erkoren. Ihre Hauptstadt Mdina war auf dem Hügel im Inland gebaut, wo heute noch 7 km westlich über eine Brücke über den tiefen Stadtgraben der historische Kern betreten wird. Der Rundgang auf der Stadtmauer und über den Marktplatz im Inneren von Mdina zeigt eine vollständig befestigte Anlage, von der aus ein wunderbarer Blick in die Ebene zu dem Städtekomplex um Valetta gestattet wird. Mdina ist unbezahlbar. In den alten Gemäuern sind die teuersten Hotels der Insel untergebracht. Hier thronte und thront noch immer der Bischoff von Malta, der dieses erzkatholische Land mit den vielen protestantischen Kirchen der Engländer mit beherrscht. Hier war in der Mitte des Ortes die Schule, die Carmen in ihrer Kindheit zu Fuß aus der Ebene erreichen mußte.

Wenn Du nach Mdina willst und Dich von Sliema, dem modernen Touristeneldorado  im westlichen Anschluss an Valetta bewegen möchtest, vergiss den Mietwagen. Es gibt wunderschön veraltete Busse und zwar aus fünf Generationen, die mit 90 Buslinien die mit einer halben Million Einwohnern übervölkerten Insel und ihre vielen Städte erschließen. Sie versagen nur dort, wo Du in den malerischen Südosten der Insel nach Dingli willst.

Mdina, die alte und schöne vorritterliche Hauptstadt, ist nicht allein. Ihre Schwester heißt Rabat, ebenso wie die Stadt auf Gozo und in Marokko. Rabat ist vielleicht fünf mal so groß wie ihre zwei Hektar zählende befestigte Partnerin Mdina, für die man die Schwester Mekka vergeblich sucht.

Woher sind die Malteser, woher ihre Kultur, ihre Geschichte? Man findet wenig dazu. Sie teilen mit den Amerikanern eine koloniale Geschichtsamputation des Mittelalters, bei dem einige Herrenvölker ständig etwas „entdeckten“, wie sie das martialische Niedermetzeln der Einheimischen umschrieben. Die Geschichte beginnt, als die Fremden kamen. Zeitgleich zur Anlandung der Santa Maria in der Karibik unter dem Befehl des Christopher Columbus kam der französische Großmeister des Ordens nach Malta. Später kamen die Engländer hinzu. Erst damit scheint Malta geboren zu sein und daher weiß man hier wie jenseits des Atlantiks allzu wenig darüber, worauf die Eroberer sich gesetzt oder auf was sie getreten haben.

Daran sollte man denken, wenn man in Florian am Wasser die langen Häuser entlangfährt und in die ehemalige gigantischer Bäckerei der englischen Armee eintritt, die zum kriegerischen Geschichtsmuseum umgebaut ist. Hier gibt es englische Fahnen, von Deutschen im ersten Weltkrieg gekaperte Schiffsausrüstung, Geschichten vom Napoleonischen Einfall, den die Engländer auf Notruf des Orden erfreut gekommen nach zwei Jahren beendeten und nun ihrerseits mit einer 150jährigen Besatzung  belohnten. Was davor war in dieser Kulturregion, wo unweit das Sklavenheer des Spartakus vor Messina schon vor dem Jahre Null den römischen Fängern trotzte, ist kaum erkennbar. So wie die Geschichte Amerikas mit Columbus beginnt, so scheint Malta auf die Ritter gewartet zu haben, um seine Geschichte zu beginnen. Doch wer genau hinsieht oder hinhört merkt die Differenz.

Malta hat Englisch als offizielle zweite Staatssprache. Aber auf der Straße klingt das nicht immer gekonnt. Man spricht Maltesisch, das mit vielen italienischen Wörtern Bekanntes vermuten lässt, wenn man es nicht geschrieben sieht. Im Geschriebenen aber machen Punkte und Akzente eine Phonetik deutlich, die die Wissenschaft als Arabische Phonetik charakterisiert. Strasse heißt hier auch Triq oder Ta’. Im Westen der Hauptinsel ist mehr übrig geblieben.

Rabat und Mdina kennen wir eigentlich als Städte des Islam in Arabien und Marokko, auch Zebugg mit Accent sowie Siggiewi, Zurrieq, Naxxar oder Birkirkara, L-Iskorvit oder Ta’l Abatija und Banjar-ic-Chaghaq sind keine englischen, italienischen oder französischen Namen wie sie die Befestigungsanlagen der Insel schmücken. Vittoriosa, der wir mehr Romanisches abgewinnen, war Birgu und Victoria auf Gozo Rabat. Nur der St George’s tower scheint wie alle Türme, mit denen die Ritter die Insel umgeben ließen, um per Feuerzeichen den Feind zu melden, ebenso eine neuere Erfindung zu sein wie St George`s Barrack, Tower und Pembroke Fort. .

Die Ritter haben das Land genutzt aber wenig verändert. Die arabische und italienische Kultur lebt in den bunt bemalten Erkern der Städte und Dörfer fort, die statt eines hölzernen Balkons wie in Peru oder den Schmiedeeisernen Vorbauten in New Orleans einen geschlossenen Vorbau mit Fenstern in die erste Etage jedes am Straßenrand aufgereihten Hauses setzten. Hier, so sagt unser Begleiter, saßen in Islamischer Zeit die im Harem behüteten oder gefangenen Frauen und konnten unerkannt und ohne Schleier über der Straße sitzend durch die Fenster am Leben unten teilhaben.

Die Englische Kultur ist dünn über die örtliche Tradition gestrichen worden und hat das Leben der Gouverneure und Soldaten sowie einiger Kaufleute erfasst, nicht aber die Maltesische Kultur. Die Insulaner mussten die Stadt Valetta bauen, mit ihren Schiffen die Nahrungsmittel und das Holz aus Sizilien holen und sich als Soldaten und Soldatenbräute verdingen. Die viktorianischen Bauten am Hafen und die vielen Sportplätze, still gelegten Flughäfen und Kasernen haben die Beziehung zum Vorgefundenen verpasst.

Die Malteser gibt es noch heute und trotz aller Anglophilie und dem Englischen als zweiter Staatssprache haben Sie sich selber behalten in Schrift, Wort und Architektur. Und als sie sich 1963 befreiten, oder wie es die Kolonialherren so gerne ausdrückten, „in die Unabhängigkeit entlassen“ wurden, (weil man doch auch dann, wenn die Besatzung vorbei ist, gerne noch den Herren im Commonwealth of Nations spielt), haben sie zum neofeudalen Sozialismus gegriffen und sich mit der Vaterfigur des Dom Mintoff interessanterweise wieder nach Tripolis gewandt, wo die grüne Revolution des Wüstensheiks Ghadaffi eine andere Form der Selbstfindung unterdrückter Völker probierte.

Längst haben nach seiner 20jährigen Personalherrschaft die Bürgerlichen die Partei der Arbeit abgelöst und Dom Mintoff im Altenheim abgeladen, aber Arabisch bleibt weiter vierte Fremdsprache und den Investoren von außen wird auf Werbetafeln damit gewunken, dass man von hier aus guten Zugang zum lybischen Öl bekommen könne. Malta ist dazwischen, zwischen Islam und Christentum, Süd und Nord, Englisch und Romanisch, Italienisch und Spanisch, Arabisch und Italienisch, Papst, Kaiser und Sultan. Es ist eine europäische Stadt.

Man sollte den Berlemont abreißen und der schönen Stadt Brüssel ihre alten Quartiere zurückgeben und sie von der Invasion der Eurokraten befreien, die dafür in die sechs verlassenen Fliegerhorste mit ihren die Landschaft verunstaltenden Kasernen und Soldatenunterkünften der ehemaligen Besatzungsmacht einweisen, die man hübsch hässlich entlang der Nordküste rechts der Strasse von Valetta nach Bugibba bestaunen kann.

Sie würden wahrscheinlich dort mehr von den Kulturen der von ihnen regierten Länder mitbekommen als auf den Parties, die die Lobbyisten der Wirtschaftsverbände in der europäischen Zentralstadt veranstalten, um Kontakte zu pflegen und dabei nebenbei ein neues Volk der Eurokraten zu erschaffen, das seiner Wurzeln beraubt der Sprache ihres Wohnsitzlandes nicht mächtig das Regieren Europas für europäisch hält und sich mit Steuerprivilegien und Unkündbarkeit ausgestattet Reisen in die Provinz erlauben kann, wo sie die Missbilligung ihrer Untertanen huldvoll entgegennehmen können. In Malta wäre die Bedrohung von Realitätsverlust und Entwurzelung für diese verbannten Eurokraten überaus sichtbar. Wenn sie sich tagsüber in den Hochbauten, am Wochenende im Yachthafen von Manoel Island auf ihren Segelschiffen oder abends beim Essen im republikanischen Royal Malta Yacht Club im Schein ihrer Spiegel aalten, wäre die Gefahr eines Potemkinschen Europas so überaus deutlich, das man regelmäßige Heimatkundestunden und Exkursionen für die im Marxamxett Hafen ausgesetzten Exilierten nationaler Politik ansetzen würde. Es würde sicherlich recht sorgfältig in allen Parlamenten diskutiert, welche Teile der europäischen Kultur man diesen Bewohnern des europäischen District of Columbia zur Regelung anvertrauen könnte und die aktuelle Großzügigkeit mit den scheinbar so nah zwischen Paris und Köln Hausenden würde einer größeren Angst vor dem McEuropa eines kulturellen Fastwood weichen..

Die Chancen stehen nicht gut, nicht einmal für eine Verbannung, da selbst der König aller Verbannten, der selbstgekrönte französische Korse Napoleon, der Elba  und St.Helena unfreiwillig besuchte, auf Malta ganz aus eigenen Stücken und auch nur für wenige Wochen eintraf.

Doch Malta ist nicht das Land der Monumente und Sehenswürdigkeiten. Es ist eine fast vollständig bebaute Insel, die auf der linken Wange des Mundes zunächst Sliema und dann weiter Nördlich nach der Balhata Bay  den Badeort Paceville hat, in dem sich ein Hotelturm an den anderen reiht. Am besten läuft man von einem der großen Hotels, von dem sicherlich das Vornehmste auf der Landzunge hinter dem an die Spitze gebauten Kasino nach beiden Seiten aufs Meer schauen lässt, immer am Wasser entlang durch die St Julian’s Bay um Sliema herum. Das sind vielleicht 2 km bis man an die Maxamxett Harbour Bucht kommt, von wo an Manoel Island vorbei ein Fähre nach Valetta übersetzt. Restaurants laden direkt am Meer mit Fisch und englischer Ansprache ein hat aber Maltesisches Personal, das die vielen englischen Rentner bedient. Ein paar Strände sind in die Felsenküsten eingelassen, müssen aber im Sommer einzigartig überlaufen sein. Dafür gibt es unendlich viele Pools, an denen es sich liegt und der Traum von der Traumbekanntschaft träumen lässt. Abends aber geht es in St Julian los, auf der schmalen Fußgängergasse, die vom Meer unten an der Triq Gorg Borg Olivier ausgehend sich durch die Restaurantketten durchfrisst, zwischen denen die Blüten dieser Insel, die jungen Englischlernenden zwischen 14 und 16 stehen, in Gruppen, die Mädchen mit dem von der viel zu engen Jeans hochgepressten Babyspeck über dem Gürtel, den coolen Gesichtsmasken, der Zigarette in der einen und der Bierdose in der anderen Hand in einer Gruppe oder mit der Freundin, daneben die lauten Jungen, die das Bier nicht nur halten sondern auch trinken, weil sie den Mut brauchen, um vielleicht auch einmal ein paar Worte mit denen jenseits der eigenen pubertären Erfahrungswelt zu wechseln, bevor man sich wieder in den Schutz der eigenen Gruppe zurückbegibt. Dazwischen die Besitzer und Gefundenen, die ihre Überlegenheit im öffentlichen Knutschen oder im demonstrativen Paarlaufen bekunden, wo sie doch etwas zu früh angekommen sind, das das Erreichen  des Ziels in diesem Alter noch die geringste Freude macht. Worüber soll man sich unterhalten, was macht man eigentlich miteinander, wenn man nicht  einmal das Geschlecht gemeinsam hat?

Leichter ist es dann schon in den vielen Discos, die angesichts der Wärme nach außen offen ohne Eintritt von den Getränkewünschen der Besucher leben. Gleich unten in der Bucht die zwischen zwei Straßen eingebettete Palmendisko, die es fertig bringt, neben den bekannten angelsächischen Sounds auch die Melodien rund um das Mittelmeer zu spielen und damit den Tanzenden vom Stampfer zum Gestalter animiert.

Hier in den Diskos herrschen strenge Regeln, nicht die der Diskobesitzer sondern die der Teilnehmer. Was hat sich alles verändert. Früher lungerten sie am Rande herum, bis das Mädchen, das man suchte, so aussah, als ob sie für einen Moment frei wäre. Beim ersten Mal gab es ein „nein“ und wenn Du stehen bliebst, ganz nett warum gefragt hast, nicht dieses beleidigte, auf das das Schnippische folgte, sondern so aufmunternd „überleg es dir noch mal“ oder gar so mutig warst zu sagen, „Du verpasst etwas“ und dann auf die Frage „Was?“ Dir irgendetwas intelligentes einfiel oder das Mädchen nach ein paar Minuten dachte, es sei besser, jetzt doch einen Tanz zu wagen als etwa als Arrogante oder Freudlose dazubleiben, dann kam sie mit und hat es genossen, falls Du nicht wie ein Idiot vor Freude vor ihr her ranntest und dich aus Angst, sie sei doch noch abgebogen, nicht umschautest. Ja schon die Mädchen liebten eine gewisse Souveränität, die demjenigen abhanden kommt, der wirklich verliebt ist. Wie habe ich immer meinen Freund beneidet, der am frühen Abend auf ein Mädchen zeigte und meinte, ob er die haben solle. Er schaffte es immer seinen Kuhaugen und seinem linkischen Lächeln aber eben weil er nichts spürte, ihm niemand den Hals zudrückte, in dem schon ein Kloß den meisten Platz eingenommen hatte. Er hatte nicht dieses Gestammele und diesen Trotz, mit dem wir Jungen dann etwas sehr Dämliches sagten, wenn wir Angst hatten, es käme zur endgültigen Abweisung, die man damit auch prompt einfing.

Die Musik passte dazu, Paartanz nicht wie Oma noch erzählte Ende des 19. Jahrhunderts artig gegenüberstehend bei Polonaise und Quadrille, oder dann gewagt mit Anfassen im Walzer, die sich in den lateinamerikanischen Tänzen fortsetzen. Wir tanzten Boogie oder Foxtrott oder ChChaCha, Madison oder Twist. Mehr Freiheitsgrade voneinander, Immer noch zu zweit aber doch gegenüber, die eindeutige Führung des Mannes in Walzer und Foxtrott ablösend, dann aber im Blues uns auf die Partnerin hängend, die mit ihren Fäusten als Abstandhalter gegen unsere Rippen drückte, gerade so, dass für sie die Rehzwillinge nur ein paar flüchtige Begegnungen erlaubten nicht aber platt gedrückt wurden, ohne dass die Arme des Partners Schultern und Oberkörper aus ihrer Umschlingung lassen mußten.

Damit war Schluss, als die Beatles und BeeGees, als Lalipop und die Rolling Stones das Zepter der Tanzmusik übernahmen und 64 in den Sommerferien im englischen Lowestoft in Suffolk die Mädchen alleine auf die Fläche strebten, während die Jungen am Rand stehen blieben und glotzten. Während ihre Liebschaften unterstützt von Pille und Krauss Ogino zur vorvollzogenen Ehe heranreifen konnten entfernten sich die Körper auf der Tanzfläche wieder voneinander, weit weg von dem, was Henry Miller und sein Freund Joey in einem Tanzlokal von Clichy mit den leichten Mädchen erprobten, bevor sie des Platzes verwiesen wurden.

Die kurzen Unterbrechungen durch die Aufklärungsperioden von Renaissance über Vormärz die goldenen Zwanziger bis zu den 68erigern, die von Inquisition, Wiener Kongress, Faschismus und Berufsverboten wieder in den Boden gestampft wurden,  haben das Aufblitzen eigener Formen menschlicher Kreativität auch im Tanz gezeigt.

Auf der rue Rivoli zwei Stockwerke unter der Erde war 1969 der Boogie Woogie zur Ekstase gereift, nach dem wir uns so scheinbar erschöpft taboufrei in die Arme fallen durften, was Isabel, die das Eckzimmer Nr. 1 rue Hameau mit Blick auf den Boule Miche im Quartier Latin bewohnte, ins Unenerhörte steigerte, als sie für mich immer noch mit einer an den Zauber der Knotenkünstler erinnernden Technik ihren Träger-BH aus dem Ärmel hervorzauberte, weil „er störe“. Dabei hätten ihre reizvollen Miniaturen solcher Stütze ohnehin nicht bedurft. So aber wurden sie freigestellt für den nächsten Blues, der tournusmäßig den Boogie und seine Rock’n Roll-Exstase einfing und zur Beruhigung der Körper einlud. Hätte ich sie nicht vorher auf einem Jugendlager in Toulon kennengelernt und dabei die Faszination einer Verbindung zwischen weiblichem Selbstbewusstsein und körperlicher Askese eine ganze Woche genießen oder erleiden dürfen, es wäre für mich deutschen Landburschen das Absolute gewesen, das Französische mit dem Weiblichen zu einem existenzialistisch anmutenden Gespräch über Philosophie hinter der Dunstglocke einer Gauloise am Boulevard St. Michel zu erleben. Das aber war zu unvorstellbar, als dass ich es hätte  begreifen können.

Immerhin lernte ich jene Tanzfiguren, die für den Rest meines Lebens fast das Einzige waren, das ich im Paartanz anzubieten hatte. Während du mit der linken Hand die Hand Deiner Partnerin vor und zurück bewegst in der Hoffnung, die Körper werden dem folgen, schleicht sich deine rechte Hand hinter deinem Rücken nach links und erscheint auffordernd an der linken Hüfte, wo dann so viele Spätere spöttisch oder ungläubig lächelnd mit ihrer linken Hand zugriffen. Mit einem starken Griff hinderst Du das natürliche, dass sie diesen Knoten mit dem Loslassen der der Rechten auflösen wollen. Jetzt kommt der Trick. Deine rechte Hand zieht die Partnerin Rücken an Rücken an dir vorbei, der Arm hebt sich und während Du erst jetzt die Linke loslässt, drehst Du sie unter den erhobenen Händen bis ihr Euch beide wieder anschaut. Mit dem Schwung aber geht es weiter, wobei du in der Drehung ganz loslassen kannst, um mit beiden Händen an der Hüfte den Traum jedes Troubadours zu verwirklichen, seine Partnerin mit kleinsten Bewegungen so hin und zurück zu drehen, als ob man „die Puppen tanzen lassen“ würde.

Der Weg zur Maltesischen Disko ist damit aber nicht zu erreichen. Der Tanz ist aus dem Stoff gemacht, den unendlich viele Tänzer vor ihm den Göttern zur liebe oder in göttlicher Liebe erdacht und erprobt haben. Er hat die Musik herausgefordert und angetrieben, aus dem Liebespiel der Auerhähne seinen Rhythmus geformt oder das Malen des Mais oder das Schöpfen aus dem Dorfbrunnen zum Kulturgut gemacht. Jeder neue Schritt hat, wie Béjart es in seinem Ballett des zwanzigsten Jahrhunderts immer wieder präsentierte, seine Geschichte auch wenn die Wuppertaler und New Yorker Ballerinen inzwischen ihre Schuhe ausziehen, um die Bodenhaftung zurück zu gewinnen. Doch kein neuer Tanz entsteht aus dem Alten. Seine Anleihen sind gezielt und  bedürftig so wie der neue Tisch eine größere Tischdecke erfordert ohne zu sagen, wie sie aussehen soll.

Tanz, Text und Theater, Musik, Malerei und Moral folgen ihren Zeiten wie die Marketenderinnen dem Zug der Soldaten. Sie sind der Tross, der für die Truppe alles das, was Leben ausmacht, mitzuschleppen hat. Nur so hat sich der Mensch auch immer dorthin mitgenommen, wohin er ankam sei es Flucht, Eroberung oder Niederlage. Die Geschichte tanzt so vor unseren Augen, wenn wir das Gleichzeitige des Wiener Opernballs mit der südafrikanischen Tanzvorführung und den Breakdancers zulassen. Gleichwohl bewegt der Tanz die Verhältnisse, gerade indem er sie vor den Augen spiegelt.  .

Nachdem der Walzer, in den sich meine 16jährige Großmutter um die Jahrhundertwende mit dem fast 12 Jahre älteren Mann, der mein Großvater wurde, taumelnd hineinstürzte, den anmutigen Gruppentanz ins Reich der Langweilse verbannt hatte, und nach der Lösung des noch zugewandten aber mit den eigenen Knien beschäftigten Charleston, den meine prüden Eltern ebenso wie den Swing in den 20igern verpasst hatten, war das Loslassen und Anfassen des Boogie nur der Übergang zu einem Konzertstück von Jethro Tull, das uns 68 später den Atem raubte. Eher neben als mit dem Partner entließ es uns in die Trance eines freien Einzeltanzes, bei dem die langen Haare der Mädchen bei nach vorn übergebeugtem Oberkörper wie Schleierwolken vor ihren Körpern fegten und das Wogen der von den Gräten befreiten Körbchen verbargen. Mit seiner Querflöte hatte er auf dem Gebälk einer sich unendlich wiederholenden  Tonfolge den Taktschlag vom ersten auf das zweite verlängerte Achtel verlagert, dass dann auf Kostne des Dritten verlängert erst dem fünften Achtel wieder die Schwere gönnte, die der aufstapfende Fuß beim Tanz zum Takthalten so dringend benötigt. Indem er uns anfangs dies Prinzip einige Male einhämmerte stimmte seine Flöte mit einfachen einschlägigen unpunktierten Achteln trotzig ihre Melodie ein, die eher ungehobelt auf den komplexen Streben des Gebälks einhermarschiert. Die Machart hatte vorher wie so vieles in der U-Musik der E-Musiker Ravel zur eigenen Überraschung erfolgreich verbreitet, als er mit seinem Bolero, der als  Orchesteretude bereits vom Stampfen des dritten Brandenburgischen Konzerts von Bach gelernt hatte, zu Weltruhm gelangte.

Nicht mehr der Körper tanzte sondern der Kopf, der sich in einer plötzlich aufkommenden buddhistischen Sehnsucht vom Rumpf befreien wollte. Du konntest aufhören und das Gespräch aufnehmen, das Gespräch aussetzen und weitertanzen, dich anfassen und berühren oder aber auch darüber reden, ob man sich weiter annähern könne und wolle. Die nicht aus dem Wollen sondern aus dem von außen herangebrachten Können ermöglichte Nähe der Geschlechter oder des eigenen Geschlechts suchte sich ihre Formen des Ertragens, indem sie die Gedanken an den Körper zurückholten und eine intellektuelle Intimität schufen, die in vielen Karikaturen als körperliche Potenz gepriesen die Masse der Unfähigen weiter anstachelte.

Was da offen schien war in Wirklichkeit nicht möglich. Der Zusammenbruch der elterlichen Autorität, die konfrontiert mit ihrer faschistischen Last kleinlaut geworden war, die Anarchie einer Statuselite, die außer ihren auf Kosten anderer erworbenen Titeln und Ehrenzeichen wenig boten, hatten nur ein großes Loch gegraben nicht aber Freiheit gebracht. Es genügte, ohne die Anleitung der Aktion Sühnezeichen oder die Führungen durch im Antikommunismus gezähnte Opfer der NS-„Diktatur“ das KZ Bergen-Belsen zu besuchen, um anschließend seinen maroden VW-Käfer ganz einfach und mit geringer Geschwindigkeit unbewusst vor den Baum zu fahren. Freiheit war das nicht. Das, was da nach 1000 Jahren dumpfen Schlachtens möglich wurde, war eher reif für die Klapsmuhle oder für ein „Mach kaputt, was dich Kapputt macht“, wie es Ton, Steine, Scherben besangen.

Jethro Tull drückte dies aus für ein Amerika, dass sein südliches Gebilde eher wie einen Hühner- als wie einen Hinterhof bestellte und in Vietnam das neu interpretierte, was bisher als Befreiung in der Normandie verstanden wurde.

Doch so weit kamen nur wenige. Wo das Adrinalin nicht ausreichte wurde mit LSD nachgeholfen. Die Ungeduldigen vermasselten wieder einmal die Revolution die zudem keine war. Die Leute vom Schlage eines Timothy Leary, die Harems in Poona oder der Blumenkinder von San Francisco, hatten sich selber gerochen und wollten dahin, wo die anderen sie nicht hinlassen wollten. Ihre blaue Blume fanden sie in den Naturgöttern bei Vollmond vergrabenen Blütenhonigs, in der Nutzung des Körpers zum eigenen Ergötzen einer befreienden Arbeitslosigkeit. Sie tanzten sich weg, bekifft, besoffen und bescheuert.

Anders als bei Buddha oder den Yogis wollten sie sich nicht mehr den Kopf zu Höherem befreien sondern ihn einfach ausschalten, ein Kurzschluss, den Semjassin und Hare Krishna Jünger ebenso wie Scientology mit ihrem Anspruch bedingungsloser Unterwerfung unter die Fremdsteuerung profitgieriger Geschäftsleute auf andere Weise einlösten. Aus dem komplizierten Gebälk einer bis zum Zerreißen spannend gewordenen einfachen Melodie wurde das einfache Stampfen des Techno, dem die Melodie allenfalls noch als Fußleiste mitgegeben wurde. Du kannst dir noch Kokain dazumischen aber du brauchst es nicht. Der Subbase in der Disko in der 23ten Straße von Manhattan, der sechs Stockwerke unter meinem Bett dröhnte, vermittelte sich nicht über die Ohrmuschel sondern das Bettgestell. Diese Musik schüttelt deinen Körper mehr als das Traben des Triathlonspezialisten. Das Adrinalin wird aus seinen Drüsen befreit, indem man die Körperzellen wie in einer Zentrifuge so lange schleudert, bis die homöopathisch verteilten Dosen sich in deinen Kopf ergießen, wo sie alles wegschwemmen, was nicht durch Logik angekettet ist.

Die Teenies von Malta sind wieder auf dem Rückweg. Das eigentlich Spannende hat sich von der Tanzfläche wieder zurückgezogen. Sie stehen mitten zwischen den sich bewegenden Körpern gelangweilt oder interessiert, angemalt in Weiß, lässig mit der Bierflasche in der Hand redend, als ob dieser Massenauflauf von Jungtieren einen anderen Zweck hätte als sich irgendeinmal für jeden wie ein Spuk aufzulösen, bei dem dann nur noch zwei übrig bleiben.

Der Tanz ist demokratischer geworden wo er der Gestaltung Raum gibt. Kinder, Dreißiger und Fünfziger passen auf eine Fläche, auf der man gestalten, stampfen und sogar Boogie tanzen darf. Das geht nicht ganz ohne Kampf ab, wenn ein Knirps sich vor dem Oldie aufbaut und ihn auffordert, doch einfach mal so weiterzutanzen so wie man es den Tanzbären zurief, die auf der heißen Platte gar keine Chance hatten, ihre Tatzen nicht zu bewegen. Das fröhlich alkoholisierte Grinsen der Halbwüchsigen kann Dir Dein Alter vermiesen, wenn unter Dir der Boden heißer wird. Die einzige Chance war es, den selbsternannten Bärenführer mit auf die heiße Platte zu lotsen und mit aufmunternden Gesten zum Mittanzen zu animieren. Peinlichkeit kann man teilen und der kleine Star verlangt mit offen freundlichen Worten der Anerkennung, aus der Schlinge entlassen zu werden, die das Umlenken der Blicke auf ihn um seine Fuße geworfen hatte.

Unter dem Nachthimmel des Mittelmeers bei luftiger Hitze in der Jugend zu tanzen erfrischt. Auch die siebziger lassen sich wieder erwecken, wenn die Musik eine Kreativität zulässt, die diejenigen, die dort geboren wurden, mit in den Bann zieht. Jedenfalls tanzten die Hände der Frauen weiter, wo beim anschließenden Bier an der Straße die Musik ihrer Geburtsstunde uns einholte, die Rhythmus, Melodie und Text zu einem Ausdruck formte, der mehr als das Zittern der Stühle und das Stampfen der Körper verlangte.

Sliema ist ebenso wie Abu Dhabi ein Steilshoop ein Märkisches Viertel für Besserverdienende. Doch wie alles, was uns die Industrialisierung mit ihren Standards, ihren Massen und Wertschöpfungsketten diktiert hat, zugleich ein Gitternetz, in dem sich seltene Erlebnisse verfangen.  Die Tanzflächen gehören dazu ebenso wie der leicht ansteigende Gang, auf dem sich tausende von Jugendlichen verfangen, die von dem Zauber des Südens unter dem Einfluss des Alkohols nur die Möglichkeit mitbekommen, öffentlich sie selber zu sein.

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