Fakenews: Lüge wird Wahrheit – doch nicht alles ist wahrheitsfähig.

Anmerkung zu #SZ Kornelius „Lüge wird Wahrheit“

Fakenews

Institutionalisierte Massenmedien haben ihre eigene Sprache, um Wahrheit zu verkünden. Sie berichten über den „blutrünstigen Diktator“ Assad, die Kim-Dynastie, den Schlächter Saddam, das Regime der Mullahs, über katalanische Separatisten, baskische Terroristen oder syrische Aufständische und afghanische Freiheitskämpfer. Kauft sich jemand von der Justiz frei und ist er der richtige, dann ist es der Präsident der USA, führt er den richtigen Krieg, dann ist er Saudischer König oder besetzt er die richtigen Territorien, dann ist er Regierungschef ohne schmähende Adjektive. Erdogan, Putin und Maduro sind die Falschen, weil sie nicht die Unsrigen sind, gleichgültig, was wir zu berichten haben. Lügen sind das nicht, weil Böse und Evil nicht wahrheitsfähig sind.

Religion und Wahrheit

Da werden wir dann damit beruhigt, dass die katholische Kirche „in Fragen der Wahrheit … unbestritten über Autorität“ verfügt. Dieses neue Verständnis von Religion und Wissenschaft, von Papst und Galilei erklärt ein Selbstverständnis, das Werturteilen Wahrheitsfähigkeit zuerkennt. Hatten wir nicht 1789 die Wahrheit der Religion mit ihren Hexenverbrennungen durch die Vernunft ersetzt? Was dann allerdings schon bei den Jakobinern und später im Namen der Rationalität an Dominotheorien, Menschenrechtskriegen, volksnaher Einsichten und kolonialem Anspruch verkündet wurde, was als brave new world oder 1984 so logisch durchkonstruiert war, hat die postmoderne Sehnsucht nach religiöser Führung auch ohne Kirche allerdings wieder wachgerufen.

Der Grund ist, dass das mit dem Anspruch auf Wahrheit auftretende rationale Gebäude im politisch relevanten Bereich auf einer Trias aufgebaut wurde, die gar nicht wahrheitsfähig war: Freiheit, Gleichheit und Sicherheit, letztere weit später über Polizei und Wehrbereitschaft durchaus genderkorrekt als Brüderlichkeit missverstanden wurde, sind Ideale und keine Zustandsbeschreibungen. Marx: Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham kritisierte, dass diese Prinzipien nicht den Menschen, sondern die von ihm abgespaltene juristische Person des Eigentümers und seine Gewinnerzielung meinte. Schon der Begriff „Menschen“rechte war daher wie alle Rechte eine Setzung. Seitdem aber wurde je nach Presseorgan der Insasse der Todeszelle in den USA freier als der chinesische Dissident, Microsoft gleicher als Castro und NATO-Soldaten brüderlicher als die russische Armee.

Denkmuster für die man nicht mehr denken muss

Doch halt. Das sind alles keine Lügen. Lüge ist die bewusste Falschdarstellung verifizierbarer Tatsachen. Die Grundbegriffe unserer politischen Kommunikation aber sind nicht verifizierbar. Man kann nur erklären, was man unter den Begriffen versteht. Ob jemand gleich, frei und sicher ist, das ist eine Frage der demokratischen Meinungsbildung. Man will nicht trotz allen Beteuerungen das Begreifen vermitteln, sondern mit Begriffen Menschen ergreifen. Sie sollen in den Köpfen ein Denksystem entwickeln, aufrechterhalten und für selbstverständlich erklären, mit dem die Menschen so handeln, wie es gewünscht wird. So etwas sind keine Lügen. Es auch keine Ideologien, solange sie kein System bilden. Es sind einfach Heuristiken. So nennt man Denkmuster, die man nicht mehr denken muss aber sich durch Erfolg legitimieren. Wer trotzdem denkt und sich nicht schon bei der Personifizierung der Wahrheit („Diktator X“) die Frage nach dem Sinn abkaufen lässt, wird zum Querdenker oder Querkopf. Man staunt, wer sich dann alles berufen fühlt, den Kopf wieder gerade zu drehen. Die institutionalisierte Wissenschaft an erster Stelle. (dazu ausführlich Das Geld Bd.2).

America first: Wahrheit ist die beste aller Lügen

Was uns an Donald Trump (oder sollen wir ihn Don Trampel nennen?) so aufschreckt ist nicht die Abweichung von unserem Wahrheitskonsens, sondern die Offenheit, mit der er bekennt, dass seine Inauguration von der größten Menge aller Zeiten beklatscht wurde. Die Zahlen spielen keine Rolle. Die Botschaft zählt und die lautet „Ich“. War das bei seinen Vorgängern anders? Auch sie hatten den größeren roten Knopf im Kopf. Heuristiken üben in Machtprozesse ein. Sie sparen mit ihrem Appell an den freien Willen Gewaltkosten ein. Dass wir die Funktionen dieser Wahrheiten nun offengelegt bekommen zeigt an, dass deren Überzeugungskraft wankt. „Der Westen“, eine absurde Bezeichnung auf einer Kugel,  ist nicht mehr das, was er mal war und es mag sein, dass die Brotgeber wechseln könnten, deren Lied wir singen. Was dann als Misston erscheint, könnte Vorbote einer neuen Harmonie werden. Dann wird „Lüge zur Wahrheit“, weil immer schlechter gelogen wird und Druck wie Chance zum Selberdenken steigt. Eigentlich gar nicht schlecht – das Internet.

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