Jugendverschuldung

Kommentar zur Sendung des MDR:  Leben im Minus – Warum sich Junge hoffnungslos überschulden. EXAKT – DIE STORY

Der MDR sowie Tagesschau24 haben sich das Thema Überschuldung von Jugendlichen vorgenommen. Es ist ein beliebter Mythos, um davon abzulenken, dass Banken Produkte verkaufen, die gerade einkommensschwache Haushalte in den Ruin stürzen. Mit dem Bündnis #StopWucher haben wir versucht, den geplanten Teufelskreis aus wucherischen Restschuldversicherungen und Kettenumschuldungen zu entwirren. Mit dem Mythos Jugendverschuldung haben wir uns in der Soziologie des Geldes (Das Geld Bd. 2 S. 91 ff) ausführlich auseinandergesetzt. Es nützt nichts.

Der MDR weiß es besser. 30 Minuten führt er uns vor, dass wie die Arbeitslosen an der Arbeitslosigkeit, die Obdachlosen am Wohnungsmangel auch die Überschuldeten an der Überschuldung schuld sind. Drei Jugendliche gut über 18 Jahre sind der Beweis in dieser „Dokumentation“.

Die Täter: Sylvana, Ragib und Philipp

Sylvana, so sagt es der Werbetext, „war gerade 18 Jahre alt, als sie einem Kaufrausch verfiel“. Ihr im Fernsehen gezeigter Kontoauszug zeigt keine Bankschulden, dafür aber viele Minibeträge, die den Kaufrausch belegen sollen. Sylvana hat zwei Kinder hört man eher zufällig. Eine Krankheit (Borderline Syndrom) wird offengelegt. Ihre Schuldnerberaterinnen in Halle steht neben ihr und kommentiert am Schluss, das sie sich fragt, wer einmal ihre Rente bezahlen soll, wenn solche Menschen wie Sylvana ja nicht einzahlen, sondern Insolvenz anmelden. Philipp hat ganze 8.800 € Schulden und zwar aus Unterhalt beim Sozialamt. Er hat ca. 600 € im Monat, zahlt 20 € ab. Bald wird der Student ausgebildeter Lehrer sein. Ragib kann die Miete nicht bezahlen. Das macht seine Mutter.

Die Selbstbezichtigungen

Sylvana beichtet dem Fernsehpublikum ihren „Kaufrausch“ sowie, dass sie gerne feiern ging und psychisch krank sei. Bei einer kranken Unverheirateten mit zwei Kindern ohne Beruf und Ausbildung mit 25.000 € hätte man gerne mit der Kamera einen Blick in den Kleiderschrank mit Pelzmänteln gewagt. Philipp bereut, dass er mit 17 Jahren Vater wurde, deshalb keine Ausbildung abschließen konnte und als „Realschüler zu faul war“. Ragib gibt zu, dass bei ihm „Chaos herrscht“. Ohne Mutter wäre er hilflos.

Die Experten

Als Experten kommentieren ein Psychologieprofessor, eine Schuldnerberaterin und ein Experte von FinanzTipp. Der Psychologieprofessor sei Schuldenexperte. (Seine Profilseite kennt bei Forschung und Publikation das Wort nicht.) Überschuldung erklärt er mit einem Klemptomaniephänomen moderner Geldgesellschaften: die „Täter“ würden „fremdes Geld wie Eigenes behandeln“.  Doch Kredite spielen in den Beispielen keine Rolle und werden in der Schuldentabelle oben abgedeckt. Stattdessen wird auf bargeldlose Zahlungen verwiesen. Noch ein weiterer Mythos: die Kaufrausch und Kreditwerbung, bei der Kleinanzeigen von Vermittlern den Beweis liefern. Wie immer fehlen auch hier Daten zur sozialen Bedeutung der Überschuldung.

Die Schuldnerberaterin sagt dann zutreffen, dass Schulden krank machen. Als Beispiele nennt sie dann aber nicht die Schulden, sondern die Aktionen der Gerichtsvollzieher und Inkassoinstitute. Plötzlich aber heißt es: Kranke machen Schulden. Jetzt stimmt das Thema wieder.

Die Themen des Finanzexperten sekundieren am Anfang den Mythos von Verschuldung, Jugend und Überschuldung. Doch dann kommen Banken und Kredite ins Spiel. Sie haben auch Schuld. Doch wo sind sie im Film?

Die Alternativen

Man hätte die 30 Minuten gut nutzen können. Jedes Jahr kommen Millionen Zahlen der Schuldnerberatungen in Deutschland im Überschuldungsreport heraus. Die Gründe sind zu über 80% andere als im Film gezeigt. Die Schulden versickern auch nicht im Konsum. Mit Umschuldungen bestehen 70% der Schulden aus Kreditkosten. Überschuldet wird man i.d.R. durch Kreditkündigung. Sind die notwendig oder könnte man bessere Kredite anbieten? Die Spanne unter den Banken ist extrem. Warum hat die Lobby aller Banken in den letzten 20 Jahren jede schuldnerfreundliche Gestaltung verhindert? Welche Rolle spielen solche Sendungen wie auch eine ähnliche Diskussion bei Maischberger? Warum wird Schuldnerberatung eher dafür bezahlt statt als Marktwächter zu fungieren als Treuhänder der Inkassoinstitute die Armut zu verwalten ohne die Forderungen zu kritisieren?

Wieso benutzt man überhaupt die falschen Statistiken der Inkassobranche? Die SCHUFA darf sagen, dass sich die Jugendlichen bessern. Welche Daten? Waren sie schlimm? Sachsen-Anhalt ist immer mit 10% der Jugendlichen hoch überschuldet. Creditreform behauptet das für alle. Weiß die Redaktion, dass das tiefrote SCHUFA-Überschuldungsparadies Wilhelmshaven bei Bürgern mit gleichen Bedingungen nach den Zahlen aus der Schuldnerberatung eine niedrigere Überschuldungswahrscheinlichkeit aufweist als in Hamburg? Spielt es eigentlich eine Rolle, dass die Einkommen des unteren Drittels abgenommen, die Kredite für sie dafür noch teurer geworden sind?

Die Schuld der Presse

Mythos Nr.1 lautet: Überschuldung liegt an der Verschuldung, die wiederum ist jugendlich und beruht auf Chaos und Konsumrausch. Daher ist Mythos Nr. 2 die Lösung: Wir brauchen mehr finanzielle Bildung an Schulen. Aber in dem Beweisfilm zeigen sich die Schüler dann eher schuldenfeindlich. Individuell kann Sylvana nach 6 Jahren auf Schuldbefreiung hoffen. Doch dafür stehe sieh an der Pfändungsfreigrenze und  „6 Jahre unter Beobachtung des Gerichts.“ Die 2,5% der Überschuldeten, die sich dazu wagen, werden nach diesem Bericht leider noch mal überlegen. Wer überschuldet ist, weiß jetzt, wie fehlerhaft er lebt, die anderen wissen, warum wir Überschuldung haben und die „soziale Gerechtigkeit“ ist dann, dass die Chaoten und Konsrauschsüchtigen der gerechten Strafe ihre Richter aus der Inkassobranche und den Spezialbanken entgegensehen.

Schuldnerbashing

186 StGB „Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben … in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist, und … wenn die Tat öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Es ist keine „üble Nachrede“. Zwar stimmt vieles in dem Beitrag nicht wie z.B. die Statistik mit den „meisten Schulden“ (sie wurden nach Anzahl und nicht nach Volumen aufgeführt), der Kaufrausch, die Behauptung, die Personen hätten „auch ohne Minus“ leben können, sie seien ungebildet, Sachsen-Anhalt sei ein gefährlicheres Überschuldungspflaster, Jugendliche seien eher Überschuldungsgeneigt u.s.w. Doch hier wird ja nicht „ein anderer“, sondern eine ganze Gruppe, die ca. 4 Mio. Überschuldeten diffamiert, die am Ende sogar unsere Rente gefährden und die Kommunen zwingen, Steuergelder für Schuldnerberater auszugeben.

 

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